Beiträge von spiderkey

    Nachdem ich schon seit einiger Zeit stiller Mitleser hier bin, auch mal ein paar Worte von mir dazu, da ich als Keyboarder ebenfalls ziemlich viel mit dem Thema Playback bzw. Sequenzer-Zuspielungen konfrontiert bin.



    enttäuscht mich irgendwie....das mit dem Playback...ich mag da ne recht radikale Meinung vertreten, aber Playback ist für mich- ohne Ausnahme!- ein totales Unding!!! Wenn man die Lieder nich singen kann, dürfte es sie eigentlich nich mal geben oder um den weniger radikalen Gemütern zu entsprechen: Dürfte es sie wenigstens nicht live geben....

    Wenn man danach geht (und Playback im Originalbezug definiert, jetzt auf die gesamte Band bezogen), dürfte man nicht nur Rammstein gleich die komplette Show absprechen, sondern so ziemlich jeder anderen "grösseren" (und kleineren manchmal auch) Band. Playback ist allgegenwärtig, auch ich als Hobbymusiker setze den Sequenzer nur zu gerne ein, wenn es Vorteile hat. Woher kommt eigentlich diese Abneigung gegen Sequenzer-Hilfe bei Liveshows?


    Nun, neben der Tatsache, dass keiner gerne belogen wird, und das eigene Empfinden je nach Wissensstand und Bezug zur Sache wahlweise zwischen "Beschiss" und "wenns der Show dient" schwankt, scheint mir das Zitat eher spezifisch auf den Sänger bezogen und da ist die Paranoia wohl auch berechtigt, denn, wer kennt sie nicht, die ganzen gemachten Pop-Sternchen, die live keinen geraden Ton raus kriegen?


    Wohlgemerkt: Der Ausdruck "Playback" an sich bezieht sich nicht nur auf Sänger. Das ist wohl das Resultat der Karaokewelle und Schlagersendungen, denn wenn jemand von Playback spricht, tut er das zumeist negativ abwertend und im Bezug auf "verkohlt werden". Das man so gut wie alles playbacken kann, ist natürlich ebenfalls jedem klar (Fernsehsendung und so).



    Was hingegen kaum einer weiss: Playback kann auch unterstützen. Das hat erstmals nix mit "will nicht" zu tun, sondern lediglich mit "kann nicht, ohne Kompromisse einzugehen." (ab da wird's wieder "will nicht").


    Ein Beispiel: alleine schon was die Keys angeht - viele Sachen müssen nunmal einfach auf den Punkt gespielt kommen.
    Das programmierte Arpeggio von "Weisses Fleisch" zieht sich ja quer durch den ganzen Song, würde man das händisch spielen wollen, fällt einem spätestens nach dem Intro die Hand ab.
    Dasselbe bei Dingen wie den Keys von "Du hast" oder der Intro-Sequenz von "Sonne". Auch hier muss alles extrem rhythmisch rüberkommen. Solche Sachen kann man nicht live spielen, ohne das es komplett wack tönt und irgendwann weh tut - genauso wie diverse Flächenschichten, wenn man keine zwölf Hände hat, die kann man auch nicht reproduzieren. Sollte man nun deshalb den Song weglassen.
    Auch das DRSG-Motiv ist so ne Sache. Grundsätzlich ist es recht leicht zu spielen, benötigt allerdings pure Konzentration, wenn es darum geht, sauber die Töne zu treffen. Und jetzt mach das mal, während du gleichzeitig auf dem Laufband rumrennst und über dir die Böller explodieren. Also, wieso nicht vom Band?


    Und dasselbe trifft auch auf Till zu. Auch hier gibt es gesangliche Leistungen, die er im Studio hervorragend gemacht hat. Das aber als Massenware abzurufen, gerade als Sänger, ist auch nicht ohne, erst recht nicht bei DER Show. So wie Flake die Sequenzen programmiert hat, die den Song ausmachen, so hat Till nunmal halt seine Gesangsparts. Und sollten sich diese mit den Effekten oder dem Tourstress bzw. der gesundheitlichen Verfassung (auf Dauer gesehen) in die Quere kommen, muss man nunmal Kompromisse eingehen - entweder, ich mache den Song nicht perfekt, lasse etwas weg, oder lasse mir helfen. Dieses "helfen lassen" ist lediglich Charaktersache - wer es partout nicht will, hat am Ende weniger von.


    Das Argument "Wenn man die Lieder nich singen kann, dürfte es sie eigentlich nich mal geben oder um den weniger radikalen Gemütern zu entsprechen: Dürfte es sie wenigstens nicht live geben...." ist insofern höchstens lachhaft, denn Till kann es ja singen. Hat er ja auch gemacht, zumindest auf der Aufnahme.
    Ich kann auch - wenns sein muss - 100 Meter in zwanzig Sekunden rennen. Aber nicht zehnmal hintereinander. Genausowenig kann man im hektischen Touralltag nicht immer die Leistung vollbringen, die man in Studioumgebung hochkonzentriert vorm Mikrofon hat. Klar kann der gute Till mit intensivem Stimmtraining den Refrain von ITDW problemlos singen. Aber eben. Schallkabine und mehrfach mögliche Takes sind nicht dasselbe wie mit der Kanne in der Hand auf sechs Meter Höhe, noch dazu, wenn man vorher und nachher noch einige Songs zu singen hat. Und das Tag für Tag.




    Peinlich wird es mMn dann, wenn beispielsweise Flake's Playback nicht sinnvoll belegbar und gleichzeitig einfach so offensiv ist, dass es jedem Blinden auf zehn Meter Distanz auffallen muss:
    Auf einem "Feuer Frei" Video aus Barcelona sieht bzw. hört man beim ersten Tastensolo ziemlich gut, wie der Synthesizer fröhlich weiterlärmt, obwohl Till den Keyboarder zu Boden gekloppt hat. (Das Solo wäre problemlos von Hand gegangen, er tut ja auch so)
    Oder der "Solo"-Teil von "Wiener Blut". Mal ehrlich, das tönt nach der Studioversion und vor allem jedesmal gleich, egal wie wild er grad tut (es gibt da Videos auf der Röhre, bei der ich dank Nahaufnahme (als Keyboarder) ziemlich gut sehe, dass das Gehampel lediglich vorgespielt ist).
    Dass die Tastaturen an Topf und Hebebühne (jetzt neu bei Bück dich) lediglich Attrappen sind (bzw. die Keys dennoch vom Band laufen), brauch ich wohl nicht zu erwähnen, oder?


    Dasselbe gilt für Till, wenn er das Playback komplett übernehmen lässt (auf Völkerball ja mehr als nur auffällig). Im Gegensatz zu Flake kann der Mann zwar noch mit Stimmbelastung, Gesundheit o.ä. argumentieren, scheinbar reagieren aber gerade viele auf diese Art Playback recht aggressiv bzw. enttäuscht, während sich an den Zuspielern in puncto Key niemand stört, obwohl diese mMn wesentlich weniger Dafür-Argumente haben könnten. (Wenn er schon da steht, könnte er ja auch live spielen...)


    Wohlgemerkt: peinlich für die Zuschauer, sicher nicht für den Musiker selber, die wissen ja, was sie tun. Auch ich kann da drüber stehen, wenn ich den Sequenzer einsetze. Man muss es als Theaterinsezenierung sehen können und nicht als Leistungssport - das ist alles. Und Ich bin mir sicher, Flakes geschauspielerte Blödelei mit dem Keyboard am Topf amüsiert ihn mindestens genauso wie diejenigen, die glauben, er spiele die Keys bei dem Song tatsächlich selbst und könne gleichzeitig noch Tills Flammen ausweichen.





    Preisfrage: Wollen wir eine Rammstein - Show, mit Feuer, Effekten, Hebebühne und Flake im Topf, oder sechs Musiker, die hochkonzentriert an ihren Instrumenten rumstehen und emotionslos ihr Zeug runterspielen, wohlmöglich noch komplett anders als wir es gewohnt sind, dafür aber perfekt und von Hand?
    Wollen wir auf Songs wie "Ich tu dir weh" oder "Du hast" verzichten, weil der entsprechende Musiker im Studio nunmal sein Werkzeug (sei es nun die Stimme oder das Equipment) kreativ genutzt hat, in einer Art, die live nicht einfach so nachzubauen ist?



    (Im Übrigen bin ich mir ziemlich sicher, dass teilweise auch ein paar Gitarrenparts zwecks Dopplung vom Band liefen. Rammlied war z.B. so ein Kandidat. Was nix grundsätzlich schlechtes ist, sondern ein probates Stilmittel, um den Sound fetter zu machen (machen z.B. Dream Theater oder Opeth auch so).
    Geht übrigens nur gut, wenn die Live-Gitarre dazu absolut tight gespielt ist und ist somit kein Absprechen sonder vielmehr eine Bestätigung des Könnens von Paul und Richard.)





    noDestiny: Das war sogar schon bei "Live aus Berlin" der Fall!

    Ja, die Sehnsucht - Tour, die erste, bei der sie die Show komplett durchprogrammiert hatten. Das ist bei gewissen Herzeleid-Tour-Aufnahmen auf der Röhre ja auch noch hübsch zu sehen, als Flake die Sequenzen noch selber live einwirft, teilweise kreuzfalsch - und Schneider mangels Click einige Male ordentlich eiert, wenn es darum geht, als Band das Tempo zu halten. Die Band war schon tight, aber seit sie zum Metronom spielt und alles durchkonzipiert ist, ist es um einiges angenehmer zuzuschauen. So ein Sequenzer kann schon eine Hilfe sein (deshalb mach ich das ja auch).





    Übrigens: Irre ich mich da oder hat Flake sein Setup minimal verändert? Bei der MiG2011/12 Tour war noch die silberne Verkleidung an den Keys, oder?