Beiträge von AlteFrau

    Wichtig zu wissen ist, daß es sich bei dem mutmaßlichen Opfer um einen Rechtsanwalt handelt, von dem sogar ein Foto zusammen mit Till existiert. Der Mann *war* offenbar ein Rammsteinfan, der auch selbst Musik macht; auf der Startseite seiner Kanzlei ist er in seinem Büro zu sehen; hinter ihm eine Fender Stratocaster mitsamt Verstärker. Nach seiner Darstellung soll, bis auf den Satz "Ich würde das Doppelte für dich bezahlen", alles ganz anders gewesen sein. In den Medien (so etwa vom Donaukurier) wird nun dieses Zitat aus BILD verbreitet:

    Zitat

    „Ich habe niemanden beleidigt. Ich habe auch niemanden eine Prostituierte genannt“, erklärt der Mann der Bild-Zeitung nun. „Ich muss missverstanden worden sein. Ich habe weder um ein Selfie gebeten, noch habe ich die Fäuste geballt und ihn aufgefordert, vor die Tür zu kommen“, wird der Mann weiter zitiert.


    Damit die Sache nicht noch weitere Kreise zieht, empfiehlt sich eine gewisse Zurückhaltung bei allem, was hier über den Anwalt geschrieben wird.

    Eines kann man Till gewiß nicht nachsagen: daß er eine graue Maus und unmännlich sei. Solche Männer haben viele Neider, auch wenn sie kein Rockstar sind. Doch Till Lindemann ist einer. Und wenn ein frustriertes Männchen, das vielleicht zu viel gesoffen hat, einen Brachialrocker mit einer attraktiven Frau an einer Theke sitzen sieht, noch dazu einen, dem er sich moralisch überlegen fühlen kann, weil er schon so oft gelesen hat, daß Rammstein mit dem Nazifeuer spielen, - dann, ja dann! kann es schon mal sein, daß das Männchen die Frau an der Seite des Rockstars dumm anmacht, weil es sich nicht traut, den Stärkeren direkt zu provozieren. Und je empfindlicher dieser ist, zumal zwischen zwei Konzerten vor Zehntausenden von Menschen, desto eher kann es passieren, daß er die Nerven verliert, zur Freude seines Kontrahenten und der sensationsgeilen Medien.

    Schon lange nicht mehr einen Solchen Kommentar gesehen


    https://hitparade.ch/song/Rammstein/Deutschland-18549

    Es gibt ziemlich viele davon. Man sollte kein Wort darüber verlieren, solange sie nicht von Leuten stammen, die für Experten gehalten werden, etwa Musikjournalisten. Wer nicht einmal weiß, daß die ersten beiden Strophen des Deutschlandlieds nicht verboten sind, entlarvt sich bereits damit als völlig uninformiert.

    Es ist, mit Verlaub, mehr als peinlich und hinterwäldlerisch, im Jahre 2019 immernoch Rammstein mit Nazis in Verbindung zu bringen.
    nuff said.

    Leider ist damit nicht genug gesagt, denn es gibt immer wieder Leute, dir, nur wenige Stunden nach dem Ende des Konzerts in Bern, erschien in der Neuen Zürcher Zeitung dieser Artikel des auch aus Funk & Fernsehen bekannten Historikers Michael Wolffsohn, der alle mir bekannten Anti-Rammstein-Tiraden aus den vergangenen 25 Jahren sogar noch übertrifft. Ich erspare es mir und euch allen, den Artikel zu analysieren.


    Wer will, kann darüber hinwegsehen. Doch wenn sich ein Historiker wie Wolffsohn ausführlich über Rammstein äußert, geht es eben nicht nur um Kunst, sondern vor allem um Politik, genauer: um die Kunst- und Meinungsfreiheit. Und das betrifft uns alle, denn seit dem Mauerfall war sie noch nie so bedroht wie heute. Deshalb ist es wichtig, sehr genau zu registrieren, was die Meinungsmacher auf beiden Seiten des politischen Spektrums über Rammstein schreiben. Daß radikale 'Linke' sie für 'rechts' oder gar für 'Nazis' halten, weiß inzwischen jeder. Doch Wolffsohn ist kein 'Linker', sondern zählt zu den 'Konservativen'. Für ihn sind Rammstein Linksfaschisten. Zwar vermeidet er das Wort, doch es lugt hervor aus allen Zeilen.

    Auch diesen Angriff werden Rammstein überleben. Allerdings befürchte ich, daß die Kunst, wie wir sie heute noch kennen, nämlich als das Reich der Freiheit, den Eiferern zum Opfer fallen könnte, wenn wir uns gar zu sicher fühlen. Die Zensoren lauern überall, auch im Jahre 2019.

    Gestern erschien im Musikblog des Schweizer Radiosenders SRF 3 anläßlich des neuen Albums ein Artikel, der es wert ist, hier verewigt zu werden: ist er doch äußerst originell. Rammstein, so der Verfasser gleich im ersten Satz, seien "keine Nazis". Dennoch spreche er "ungern mit Leuten über Rammstein"; denn er finde "bedingungslose Rammstein-Fans genauso schwierig wie Leute, die Rammstein und ihr Schaffen als komplett wertlos abstempeln". Doch Leser, die jetzt auf einen sachlich geschriebenen Text eines kompetenten Autors hoffen, werden sogleich enttäuscht. Gregi Sigrist zählt nämlich zu all den bedeutenden Musikexperten, die Rammstein zwar ein gewisses Maß an Intelligenz und Können attestieren, sie jedoch "langweilig" finden. Gregi begründet dies so:

    Zitat

    Musikalisch bieten Rammstein schlagerhafte Heimatgefühle

    Auch wenn Rammstein ihre Klangbilder weiterentwickeln, bleiben sie im Grundgerüst bei Kompositionen, die sich im Bereich von zentrierten Elfmetertoren ohne Torwart bewegen. Geschossen wird scharf, gezielt und risikolos. Immer schön tief rein in die populären offenen Wunden der Gesellschaft. Irgendwie Boulevard.

    Das ist alles, was Gregi zur Musik zu sagen hat, weil er ganz offensichtlich nichts von Musik versteht. Doch es gibt ja noch die Texte. Und was hat er daran auszusetzen?

    Zitat

    DEUTSCHLAND / RADIO / ZEIG DICH / AUSLÄNDER / SEX / PUPPE / WAS ICH LIEBE / DIAMANT / WEIT WEG / TATTOO / HALLOMANN. Wo ist das schwache Wort? Richtig. Nirgends. Wo sind die starken Wörter? Überall. Hier fliegen mir elf Songs in Form von überentwickelten Düsenjets entgegen.


    Alles ist gross und stark und mächtig und wichtig und … wirklich? Nein. Nicht wirklich. Aber diese Band ist im Kern zu laut, um den leisen Zwischentönen den Platz einzuräumen, den sie verdient hätten.

    Ja kennt denn Gregi Sigrist die Klassiker der Popgeschichte nicht? Die wimmeln von starken Wörtern und von starken Bildern, und die bedeutendsten darunter wurden seit 1955 von besorgten Bürgern und linientreuen Linken als diabolischerLärm empfunden. Heartbreak Hotel! Jailhouse Rock! Summertime Blues! I Can't Get No Satisfaction! Help! My Generation! River Deep - Mountain High! I Feel Free! All Along The Watchtower! Whole Lotta Love! Lust For Life! Anarchy In The UK! ... und so weiter, immer weiter.


    Und kennt denn Gregi Sigrist die klassische Musikgeschichte nicht? Franz Schubert (und weiß Gott nicht nur der) hat ein Jahr vor seinem frühen Tode Texte eines Dichters aus Dessau vertont, die wegen ihrer morbiden Düsterkeit nicht nur dem alten Goethe nicht behagten. Diese - so der Meister - "Lazarettpoesie" liest sich noch heute so, als wäre sie 1827 von Till Lindemann geschrieben worden:


    Wie hat der Sturm zerrissen

    Des Himmels graues Kleid !

    Die Wolkenfetzen flattern

    Umher im matten Streit.


    Und rote Feuerflammen

    Zieh'n zwischen ihnen hin;

    Das nenn' ich einen Morgen

    So recht nach meinem Sinn !


    Mein Herz sieht an dem Himmel

    Gemalt sein eig'nes Bild -

    Es ist nichts als der Winter,

    Der Winter kalt und wild !


    Was für unerträglich starke Wörter! Und dann noch dieser Lärm auf dem Klavier und das Gegröle des Sängers! Nach der Uraufführung von Schuberts Winterreise (alle Texte gibt es hier) hätte sich Gregi 1828 wie folgt vernehmen lassen, freilich in schönerem Deutsch: "Wenn das Wort Gänseblümchen ein Reizwort wäre, gäbe es längst ein Schubert-Lied mit diesem Titel. Der Text? In etwa so: Ich seh dich. Ich knick dich. Ich stell dich ein. Du bist allein. Gänseblümchen." Da er jedoch im 21. Jahrhundert lebt, schrieb er über Rammstein:


    Zitat

    Ich bin mir übrigens sicher: Wenn das Wort „Gänseblümchen“ ein Reizwort wäre, gäbe es längst einen Rammstein-Song mit diesem Titel. Der Text? In etwa so:


    Ich seh dich. Ich knick dich. Ich stell dich ein. Du bist allein. Gänseblümchen.

    Das kann man wirklich knicken.

    Master of Desaster , @Lessi Fare:


    Wir können davon ausgehen, daß Till den Pinsel mit Bedacht durch die Sonne ersetzt hat. Einen Hinweis auf den Grund liefert uns die Musik, und dazu habe ich bereits etwas angedeutet. Jetzt werde ich deutlicher. Also:

    Was in den ersten drei Strophen passiert, ist klar: ein Spanner beobachtet nachts die von ihm begehrte Frau und "spannt seine Fantasie zum Bogen". Er malt sich aus, eins zu werden mit der für ihn unerreichbaren Frau. Und nun die vierte Strophe:


    Der Atem stockt, das Herz schlägt wild

    Malt seine Farben in ihr Bild


    Er ejakuliert gegen die Fensterscheibe, so wie in Mitternacht. Im Songtext sagt Till das gleiche, aber mit einem einzigen Vers. Nach dem Orgasmus


    Steht er da am Fensterrand

    Mit einer Sonne in der Hand


    Mehr wissen wir an dieser Stelle nicht, außer: daß der Mann seine Angebetete noch immer nicht besitzt und darunter leidet. Dies kommt auch im folgenden Refrain zum Ausdruck. Die Spannung bleibt also (anders als in Millionen Popsong-Refrains) erhalten und wird sogar noch gesteigert, eben weil der letzte Vers der vierten Strophe so rätselhaft ist. Und nun müssen wir die Musik betrachten.


    Es folgt nämlich die 'heller' klingende Bridge, deren Text uns sagt, daß der Mann in einer der folgenden Nächte wieder am Fenster steht. Diesmal will er sich und der Frau seiner Träume das Licht der Sonne stehlen. Jetzt setzt die Rhythmusgruppe aus, und wir hören suggestives Geflüster: Ganz nah, so nah. Die Spannung steigert sich immer mehr; alle Instrumente pausieren; wir hören nur ein britzelndes Geräusch, mit dem wohl kein einziger Hörer des Songs gerechnet hat. Und nach diesem Geräusch setzen wieder alle Instrumente ein; zudem hören wir ein Gitarrensolo, dessen langgezogene Töne einen Bogen zum letzten Refrain spannen.


    Ich deute das musikalische Geschehen dahingehend, daß das Geräusch eine in Brand gesetzte Zündschnur ist, die Sonne in der Hand also nichts anderes als ein Molli, den der Spanner in hohem Bogen ins Haus seiner Geliebten wirft, um endlich mit ihr vereint zu sein, wenn auch nur im Tode. Ob er es wirklich tut oder nur im Bogen seiner Fantasie, bleibt dem Hörer überlassen. Ich gehe davon aus, daß er es tut oder tun wird. Zwar folgt noch einmal der Refrain, doch verkürzt:


    Ganz nah

    So weit weg von dir

    So nah

    So weit weg sind wir


    Der Text endet also damit, daß beide "weit weg" sind; es folgt nur noch ein instrumentaler Kommentar in Form eines harten Gitarrenriffs, so wie alle Welt es von Rammstein kennt. Allerdings führt das Riff nicht (wie normalerweise am Schluß eines Musikstücks üblich) auf den Grundakkord zurück, sondern bleibt hängen, bevor es wieder den sicheren Boden erreicht hat.


    Ein Hörer hat das Stück intuitiv ebenso gedeutet wie ich, nachdem ich mich beim zweiten Hören auf das Zusammenspiel zwischen Text und Musik konzentriert hatte. Er twitterte am 28. Mai: #WEITWEG minuten 3:27 ist reines feuer!!


    Kurz: Weit weg ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie aufmerksam man die scheinbar so leichtverständlichen Stücke von Rammstein hören muß, um zu erkennen, wie intelligent sie gemacht sind.


    Ich würde sagen, das haben Rammstein gut gehändelt.

    Der gleichen Meinung ist Rick Fulker, seit 1985 Musikredakteur bei der Deutschen Welle; und zwar ein Musikredakteur, der Musik studiert hat. Deshalb auch hat er sogleich Händels Feuerwerksmusik erkannt und (wie ich erst eben las) bereits einen Tag nach dem Tourauftakt eine begeisterte Kritik geschrieben. Darin heißt es unter anderem:

    Zitat

    Rammsteins Werke, obwohl stilistisch nicht sehr unterschiedlich, enthalten bezirzende Melodien und Harmonien, die ins Herz gehen. Ich habe immer behauptet: Diese Jungs könnten nur aus der Kultur gekommen sein, die auch Bach, Beethoven und Mozart hervorbrachten [sic]. Oft haben ihre Werke epische Größe.

    So ist eees.

    Der von Süßkind verlinkte Artikel erschien (wie auf der Seite nachzulesen ist) zuerst bei pi-news.net. Dort gibt es diverse Kommentare ultrarechter Leser, die dem Video und auch Rammstein gar nichts abgewinnen können. Bei den Ultralinken ist es nicht anders. Lest mal diese Facebook-Nachricht von Christoph Deckert (Bassist bei Jennifer Rostock) und die Kommentare dazu. Dort werden Rammstein u. a. gleich zweimal als Hundesöhne bezeichnet: von Torsun Burckhardt (Egotronic).

    Ich wollte es genau wissen und habe mir das Buch antiquarisch beschafft. Der darin zitierte Text entstammt dem Bekenntnis der Jugend von Wolfram Brockmeier, das als Auftragsarbeit für den Reichsparteitag 1935 geschrieben wurde. Die betreffende Passage (zitiert auf S. 94) geht so:


    Einzelsprecher 1: Du, Deutschland, wirst bleiben,

    Sprechchor Wir werden verwehn.

    Einzelsprecher 1 Du wirst dich entfalten.

    Sprechchor Wir werden vergehn.

    Einzelsprecher 2: Doch was wir geschaffen,

    Sprechchor: Wir schufen's für dich!
    Einzelsprecher 3: Was immer wir opfern,

    Sprechchor: Ist Opfer für dich!


    Mehr als eine vage Ähnlichkeit ist also nicht zu finden. Und sollten ganz beflissene Rammstein-Kritiker jemals auf die Idee kommen, der Text zu Deutschland beruhe auf einem Nazitext, so könnte man diesen Vers aus dem Bekenntnis der Jugend zitieren:

    Ihr Jungen, seid bereit!


    und ihnen frisch & fröhlich die Losung der Pionierorganisation "Ernst Thälmann" entgegenschmettern.

    Ich meinte das es im Song besser klingen würde wenn ,,mit seinem Pinsel in der Hand" gesungen werden würde.

    Also müßte die Strophe so lauten:

    Der Atem stockt - das Herz schlägt wild

    Malt seine Farben in ihr Bild

    Steht er da am Fensterrand

    Mit seinem Pinsel in der Hand


    Dies wäre dem Lied nicht dienlich, da sich der Eindruck aufdrängen wurde, es ginge um einen Maler. Daß man sich beim Pinsel auch den Penis denken könnte, wurde bereits gesagt. Im übrigen klingt "Mit seinem Pinsel in der Hand" nicht gut. Bis auf das nächtlich-dunkle /a/ wären nur /i/ und /ei/ und /e/ zu hören; das würde die Atmosphäre zerstören. Sprich den Vers mal laut und achte auch auf das /s/.

    Der Text der Bridge hat mich auch ein wenig gestört. Ich kann aber gut damit leben, weil die Verse klingen. Und das ist mir in 'lyrics' wichtiger als alles andere, sofern es nicht völlig daneben ist. Ohnehin empfinde ich Tills Verse nur selten als makellos. Von all den Lyrikern aber, die mir schon begegnet sind und Förderpreise und Stipendien bekommen haben (ich kenne ziemlich viele persönlich), hat es noch kein einziger geschafft, seine unverwechselbare eigene Sprache zu finden, so wie Till Lindemann. Welch ein Jammer, daß sein Vater nichts mehr davon mitbekommen hat.

    Süßkind, - wir stimmen im Prinzip überein, und ich bedanke mich recht sehr für die Links. Zwei Artikel kannte ich noch nicht, darunter den aus dem Solinger Tageblatt, der ein typisches Beispiel dafür ist, was ich aus den allermeisten deutschen Medien über Rammstein vernommen habe. Was die Autorin von Rammstein hält, wird - sofern man ihn aufmerksam liest - spätestens am Ende des Artikels deutlich:

    Zitat

    Ein ganzes Land wird durch eine Band und eine Musikrichtung zusammengefasst. Dabei werden gute Bands und Musiker aus Deutschland leider oft übersehen. Jene, die bereits im Ausland touren und internationalen Erfolg verdient haben.

    Hier werden Rammstein und "gute Bands und Musiker" einander gegenübergestellt. Von der Autorin als "gut" empfunden werden, wie könnte es anders sein! vor allem die Toten Hosen und all die "Techno-Stars, die dank der Love Parade einem großen multikulturellen Publikum bekannt wurden". Sie fügen sich in ihr Weltbild ein, Rammstein hingegen nicht, denn Rammstein zählten nie zur Regenbogenfraktion. Ausgerechnet diese Truppe ist im Ausland seit Jahren die erfolgreichste. Das findet die Autorin ganz und gar nicht gut.

    Zitat

    Doch wo der Reiz von Rammstein liegt, konnten meine Freunde nicht erklären. Allerdings hieß es sofort, Rammstein sei „typisch deutsch“. Auch hier konnte niemand sagen, was eine „typisch deutsche“ Band ist. Auffallend war, dass selbst die, die ruhige Musik hören, als erste Rammstein nannten und gleich anfingen die Songs „Du hasst mich“ und „Sonne“ zu zitieren.

    Daß gerade diese Songs im Ausland besonders bekannt sind, hat ganz einfache Gründe, so wie die Behauptung, Rammstein seien "typich deutsch". Die Autorin findet das zwar nicht, weil ihr Rammstein nicht behagen, doch ihre Freunde haben recht. Sie fühlen sehr stark, was Sache ist, können es aber nicht sagen, weil sie es nie gelernt haben, Geschmacksurteile zu begründen und über Musik zu sprechen. Dies gilt auch für die allermeisten Deutschen und die Verfasserin. Sie scheint davon auszugehen, daß ihre Leser so denken wie sie: Hosen gut, Rammstein schlecht. Und weil sie sich nicht in ihre "Freunde" aus dem Ausland hineinfühlen kann, unterschiebt sie ihnen genau das, was mich dazu brachte, meinen obigen Beitrag zu schreiben:

    Zitat

    Rammstein gilt aus Sicht meiner Facebook-Freunde als die deutsche Band schlechthin. Deutsch wird durch unsere harte Aussprache von „ch“ oft generell als eine „harte“ Sprache empfunden. In dieses Schema würde dann die Hart-Metall-Musik der Band sowie die tiefe und oft als brachial beschriebene Aussprache der Texte mit rauer Stimme passen.

    Sie scheint genau zu wissen, was ihre Freunde ihr jedoch ganz offensichtlich nicht gesagt haben: sie empfänden Deutsch als eine "harte" Sprache, vor allem im Zusammenhang mit Rammstein. Wenn es denn wirklich so wäre, würden sie, da keine Metal-Fans und ganz gewiß politisch unverdächtig, Rammstein sicherlich verabscheuen. Doch das tun sie eben nicht. Sie scheinen Rammstein gern zu hören, anders als die Deutschen in ihrem sozialen Umfeld, wo Rammstein "kaum auf der Beliebtheitsliste [...] stehen".


    Zitat

    Das Rammstein-Phänomen scheint laut meiner Facebook-Freunde also ein nur im Ausland vorkommendes Phänomen zu sein. Ein ganzes Land wird durch eine Band und eine Musikrichtung zusammengefasst. Dabei werden gute Bands und Musiker aus Deutschland leider oft übersehen. Jene, die bereits im Ausland touren und internationalen Erfolg verdient haben.

    Und was sagt sie damit indirekt, ohne es sagen zu wollen? 'Die Ausländer sind doof. Sie hören solchen Schrott wie Rammstein und halten diesen Schrott für typisch deutsch. Doch wir Deutschen sind nicht so. Wir sind jetzt gute Menschen. Wir sind gegen Rammstein und für die Toten Hosen. Die sind typisch deutsch.'


    Ja, am neuen deutschen Wesen soll die ganze Welt genesen.



    Aber viele Fans gerade aus dem Ausland haben sich von harschen unmissverständlichen teutonischen Befehls- und Kommandoton unterstützt vom Sound, Show,Auftreten in ihrer eigenen Gedankenwelt gerade genau davon im Gegensatz zu den üblichen Anglo- Amerikanischen Bands extrem stark angezogen gefühlt.

    War es wirklich das, was die Menschen im Ausland ganz besonders begeistert hat? In der deutschen Presse habe ich es oft gelesen: und zwar stets in den Texten derer, die den Eindruck erwecken wollten Rammstein klängen primitiv, zumindest "brachial", und sie seien "rechts" usw. usf. Aber von all den Ausländern, die ich seit 2005 in Deutsch unterrichtet habe, war nichts dergleichen zu vernehmen. Um zu testen, ob sie Rammstein kennen, habe ich den Namen, wenn es gerade paßte, gern einmal beiläufig im Gesprach erwähnt. Und die Reaktion war immer wieder die gleiche. Alle, die Rammstein kannten, begannen zu strahlen und skandierten den Anfang von Du hast; und Flüchtlinge unterschiedlichen Alters aus Syrien und dem Irak, denen ich (ohne ihnen etwas über Rammstein erzählt zu haben) gelegentlich das Stück vorspielte, reagierten genauso darauf. Es machte ihnen gute Laune: was wohl kaum der Fall gewesen wäre, hätten sie Tills Darbietung als bedrohlich empfunden. Sie haben - und zwar ausnahmslos! - alle ganz intuitiv die Komik erfaßt, unabhängig davon, wieviel sie vom Text verstanden.

    Von Deutschen hingegen habe ich bereits vor Jahrzehnten gehört, daß die deutsche Sprache scheußlich klinge, zumindest in der Musik. Die so redeten, speziell in der Musikszene, waren jedoch allesamt literarisch und musikalisch ungebildet, ignorant oder aber schlicht zu unbegabt, um deutsche Texte zu schreiben. Gerade die Texte von Rammstein haben eine hohe musikalische Qualität, weil Till ganz anders schreibt als die allermeisten deutschen Texter. Er steht nämlich in jener Tradition, die das deutsche Lied hervorgebracht hat, also die Werke von Komponisten wie Schubert oder Schumann für Klavier und Gesang. Diese Werke sind weltberühmt, so wie die Wagners Musikdramen. Und all diese Werke (von Goethe jetzt gar nicht zu reden) wären nie weltberühmt geworden, klänge die deutsche Sprache wirklich immer so wie wie das Gebell der Nazis oder all der deutschen Schurken in den Hollywoodfilmen. Nein! sie ist äußerst wandlungsfähig und daher auch besonders ausdrucksstark, nur eben nicht geeignet für jede Art von Musik.


    Dies gilt auch für die englische Sprache, sogar für die italienische, von der die meisten meinen, sie sei die Musiksprache schlechthin. Für den Blues gilt das nicht. Und auch die deutsche Sprache und der Blues passen nicht zusammen, so wie die englische Sprache nicht zu Schuberliedern und nicht zu Verdis Opern paßt. Und eben auch nicht zur Musik von Rammstein. Dies aber hat absolut nichts damit zu tun, daß - wie so oft behauptet und von vielen nachgeplappert - Rammstein Marschmusik machten. Das Unverwechselbare dieser Musik ist etwas ganz anderes. Deshalb findet man es auch in Liedern wie Seemann, Mutter oder Diamant. Es ist der Geist der deutschen Romantik, von der einst behauptet wurde, sie habe direkt nach Auschwitz geführt. Das gleiche jedoch könnte man auch über die Aufklärung sagen, wenn man es nur wollte.


    Ich will jetzt nichts mehr sagen außer: Ich lieben Rammstein, sie machen gut.

    GUTER FUND!
    und da schreibt er doch tatsächlich statt der Sonne -PINSEL

    warum er das im song nicht macht bleibt mir unklar, genau wie diese nach wie vor grausige Bridge

    Der Text im Buch war zu lang für den Songtext, der (abgesehen von den Refrains und der Bridge) nur vier Strophen haben durfte und zur schwermütigen Musik passen mußte. Also hat Till nur die ersten beiden Strophen bis auf einen Vers unverändert übernommen und den Rest so umgeschrieben, daß die Atmosphäre des Songs erhalten blieb, was mit dieser Strophe


    Der Atem stockt das Herz schlägt wild
    sein Pinsel malt sich in ihr Bild
    von der Scheibe die beschlägt

    tropft etwas aufs Fensterbrett

    nicht der Fall gewesen wäre, ihres gar zu humoristischen Tones wegen.

    Die Bridge, die man grausig finden mag, hat durchaus ihren Sinn. Denn hier spricht nicht der Erzähler, sondern das lyrisches Ich des Refrains, also der Spanner, der seinen Allmachtsphantasien Ausdruck verleiht. Er stiehlt sich und seiner Angebeteten das Sonnenlicht, und dementsprechend 'hell' und 'leicht' klingt das Stück an dieser Stelle, bis der Gesang pausiert und es der Phantasie des Hörers überlassen bleibt, sich auszumalen, was passiert und was der 'Filmriß' zu bedeuten haben mag.

    Wiener Blut ist offenkundiger benannt, die Tat war auch keine fiktive, da wusste man konkret, was für was zu stehen hat. Zumindest ist bei HALLOMANN noch kein historisch konkreter Fall deutlich, der Fall Dutroux würde halt passen, dennoch.....es wird noch um ein Stück trauriger, wenn man sich dann noch vor Augen hält, dass der hochkranke Hallomann eventuell die ganze Gewalt wirklich als etwas Romantisch-Schönes wahrnimmt.

    Das könnte durchaus sein. Gebildete Pädophile neigten schon seit jeher in besonderem Maße dazu, ihre Obsession zu romantisieren. Die Literatur ist voll davon; am berühmtesten ist Der Tod in Venedig von Thomas Mann. Doch noch sehr viel mehr über das Innenleben solcher Knabenliebhaber verrät uns der pädophile Autor John Henry Mackay in seinem zuerst 1913 erschienenen bekanntesten Roman. Der Puppenjunge (ein Synonym für "Stricher") handelt von einem hochkultivierten Berliner Pädophilen, der sich in einen noch sehr jungen Mann verliebt. Bis heute wird das Buch von Pädophilen gelesen, aber auch von denen, die nachvollziehen möchten, was in ihnen vorgeht. Deshalb habe auch ich es vor über zwanzig Jahren gelesen. Und das fiel mir gerade eben wieder ein, als ich an Hallomann und an Puppe dachte.


    Solche Lieder (zu denen auch Weit weg gehört) kann man nicht schreiben und schon gar nicht überzeugend singen, wenn man das, wovon sie handeln, nur aus der Zeitung kennt. Zeitungsartikel oder Bücher sind jedoch sehr oft der Anstoß, den ein Künstler braucht, um endlich zu schreiben, was er schon lange in sich trägt. So ist es auch bei Rammstein, die es bekanntlich nicht gäbe, hätte es Aljoscha Rompe nicht gegeben, der trotz seiner vielbesagten Offenheit all seinen Jüngern ein Geheimnis blieb. Mehr will ich an dieser Stelle nicht sagen; ich verweise nur auf S. 584 dieses wunderbaren Buchs , das nicht nur jeder Rammsteinfan gelesen haben sollte.

    Was ich jetzt schreiben werde, setze ich nicht in einen Spoiler, weil es wichtig ist. Also:

    Die neue Show beginnt NICHT mit einem Knall, auch wenn das fast alle Fans glauben und es in allen Zeitungen steht. Sie beginnt mit einer Ouvertüre, zu deutsch: Eröffnungsmusik, so wie schon seit Jahrzehnten diverse Rockkonzerte. Bei Rammstein aber handelt es sich nicht nur um ein Signal, jetzt bitte die Plätze einzunehmen und sich auf die Darbietung einzustimmen, und auch nicht (wie bei den allermeisten anderen Bands) um irgendein Musikstück, das gar nichts mit dem Kommenden zu tun hat. Nein.

    Die neue Show beginnt mit der feierlichen Ouvertüre zu einem der 'Hits' des Barock, die noch vor 50 Jahren (also vor dem Beginn der heutigen Bildungskatastrophe) jeder Musikinteressierte aus dem Radio kannte: die Music for the Royal Fireworks, komponiert von Georg Friedrich Händel. Die Uraufführung fand am 27. April 1749 statt, die zweite Aufführung auf den Tag genau 270 Jahre vor der Premiere zur Europe Stadium Tour.

    Daran allein zeigt sich bereits, wie sorgfältig Rammstein auch musikalisch arbeiten, noch bevor sie auf der Bühne stehen. Und es zeigt sich nicht zum erstenmal, daß man ihre Kunst besser versteht und mit immer größerer Freude genießen kann, je mehr man sich für Dinge interessiert, ohne die es Rammstein gar nicht gäbe. Schon das zweite Stück auf ihrem ersten Album , also Der Meister, kann nicht angemessen würdigen, wer nicht weiß, worauf der Text anspielt, nämlich auf dieses Gedicht. Was im Zusammenhang mit dem Video zu Deutschland als neu und unerhört oder gar als skandalös erschien, war also gar nicht neu im Werk von Rammstein und daher mehr als all das, was darüber zu lesen war: von all den Journalisten, die auch nach 25 Jahren Rammstein noch immer nicht begriffen haben, daß und warum diese Band keine gewöhnliche Rockband ist, sondern ein Künstlerkollektiv, aber eben auch kein gewöhnliches, sondern eines, dessen Kunst Menschen in aller Welt erreicht, und zwar Menschen aller Bildungsschichten.

    Das haben in diesem Ausmaß (nur unter ganz anderen Umständen und daher auch mit ungleich größerem materiellen Erfolg) nur die Fab Four aus Liverpool geschafft. Und das kann ich sagen, weil ich all das miterlebt habe. Doch eines habe ich noch nie erlebt: daß eine Band auch noch nach 25 Jahren so viele Gegner hat wie Rammstein, vor allem unter den Journalisten ihres Herkunftslandes. Mit vermeintlich schlechter oder mangelhafter Qualität dessen, was Rammstein bieten, hat das gar nichts zu tun, jedoch eine ganze Menge mit der sog. Haltung gar zu vieler Medienleute. Wer sich als Künstler weigert, unmißverständlich zu sagen, wo er politisch steht, gilt ihnen bereits als verdächtig. Und gewiß nicht wenige würden das "Liedgut" von Rammstein insgeheim am liebsten verbieten: enthält es doch "so gefährlich fremde Noten".

    Die "Noten" von Händels Feuerwerksmusik sind nicht "gefährlich"; sie sind den meisten Rockfans nur fremd. Doch das kann sich ändern. Denn gerade Rammstein laden ihre Hörer immer wieder dazu ein, nicht nur Rammstein oder andere "geile" Bands zu hören, sondern auch zur Kenntnis zu nehmen, was es vorher gab, ob im 20. Jahrhundert oder noch sehr viel früher. Es lohnt sich, diesen Artikel über das Open-Air-Konzert vom 27. April 1749 zu lesen. Denn darin ist nicht nur Lehrreiches, sondern auch Erheiterndes zu finden. Die von Rammstein genutzte Version der Feuerwerksmusik wird vor vor 270 Jahren etwa so geklungen haben wie in dieser Aufführung vom 18. Juli 2012 in der Royal Albert Hall. Wer in Gelsenkirchen dabei war oder die Videos vom Konzertbeginn bereits gesehen hat, der wird, wenn er das Video anklickt, genau die Aufnahme wiederhören, die nun auch bei Rammstein zu hören ist. Händel wäre heute einer ihrer größten Fans.






    Hier fand ich soeben dies:

    Zitat

    RAMMSTEIN landen mit ihrem unbetitelten, neuen Album einen internationalen Megaerfolg. In 14 Ländern setzen sie sich aus dem Stand an die Spitze der Charts, und zwar in Deutschland, Österreich, Belgien, Dänemark, Frankreich, Niederlande, Norwegen, Finnland, Estland, Portugal, Schweiz, Russland, Polen und Kanada. In Schweden, Großbritannien, Italien, Spanien, Australien, Tschechien, Lettland und Litauen ist die Band in den Top 5. Ein besonderer Erfolg ist der Einstieg auf #9 der Billboard Charts und damit ihre erste Top 10-Platzierung in den USA.


    Die Billboard-Nachricht konnte ich noch immer nicht verifizieren. Sie ist ohnehin ungenau, da es viele Billboard Charts gibt. In World Albums sind Rammstein Nr. 1, in Rock Albums Nr. 2, in Vinyl Albums Nr. 5. Aber in den Billboard 200 (also unter den meistverkauften Alben, unabhängig vom Genre) sind sie und auch die in Deutschland gehypte Band The National nicht zu finden. Und nur diese Liste entspricht den deutschen Album-Charts.

    Vermutlich hat einer der so kompetenten deutschen Rockschreiber mal wieder nicht aufgepaßt. In der Liste der in den USA meistverkauften
    Germany Songs stehen Rammstein nämlich auf Nr. 9, und zwar mit (na klar:) Deutschland.

    Es empfieht sich also stets, sämtliche Nachrichten (auch die oben zitierte) genauestens zu überprüfen, bevor man sie weiterverbreitet.

    Ich habe heute in einem Post von irgendeiner meiner gefühlt 100.000 gelikten Instagram-Fanpages gelesen, dass Sie in den Billboard-Charts auf der 10 eingestiegen sind. Kann dir leider aber keinen Link nachreichen...

    Bei Billboard ist nichts dergleichen zu finden. Dort wird 'nur' gemeldet, daß das Album in Australien auf Nr. 5 eingestiegen ist. Siehe hier.