Beiträge von AlteFrau

    An diesem Freitag veröffentlichte der Journalist Jan Freitag seine Rezension des neuen Albums von Rammstein. Sie endet mit diesem wunderbar literarischen Satz, worin sich all das offenbart, was ich seit jeher an deutschen Kritikern schätze:


    Zitat

    Kein Fazit! Rammstein ist wieder Rammstein bleibt weiter Rammstein nervt uns mit Rammstein, ernährt uns mit Rammstein. Auf ewig.


    - und der mich zu diesem Meister-Werk inspirierte:


    VERSE ZUM FREITAG

    Er sitzt auf dem Pegasus

    Weil er Rammstein hören muß

    Der Reiter der Boshaftigkeit

    Füttert sein Geschwür aus Neid

    Liebe Nörgler, - was das Duo macht, mag euch nicht gefallen. Doch das Duo ist nicht mir irgendwelchen Coverbands zu vergleichen, weil es die Stücke nicht einfach nur nachspielt (dies war die ursprüngliche Bedeutung des Begriffs 'covern'), sondern auf seine Weise interpretiert. Dies haben Musiker immer schon getan. Erst seit etwa 1964, also mit dem Welterfolg diverser Stücke von Lennon/McCartney, begannen immer mehr sog. Beatbands ihre Stücke selbst zu schreiben, anstatt sie sich von professionellen Komponisten und Textern schreiben zu lassen, so wie es vorher üblich war.

    Das Duo Jatekok covert Rammstein nicht, weil es Rammstein nicht (so wie all die Rammstein-Coverbands) kopiert, sondern aus den Stücken etwas Neues macht. Dies mag euch gefallen oder nicht; doch es ist leichter, ein neues Stück zu schreiben als (wie die Sänger und Musiker im Klassik-Bereich) ein längst bekanntes so zu interpretieren, daß es klingt, als wäre es neu. Das hat Elvis mit der Musik der Schwarzen und mit Countrysongs getan, und weil er es so konnte wie kein anderer um 1955, hat der sog. Rock 'n' Roll seinen Siegeszug angetreten.

    Weil Rammstein, anders als ihre Kritiker und offenbar auch viele Fans glauben, von Anfang an mehr waren als nur eine Rockband, hatten sie noch nie Berührungsängste mit der klassischen Literatur oder Musik. Gerade Musikern aus dem Klassik-Bereich haben sie sehr viel zu verdanken; hier seien nur die Komponisten Sven Helbig und Torsten Rasch genannt, von all ihren Gastmusikern gar nicht erst zu reden. Und weil Rammstein Künstler sind und eben nicht nur eine Rockband, scheuen sie jetzt nicht davor zurück, auch live neue Wege zu gehen und im Vorprogramm ihrer Stadiontour ein Duo aus dem Klassik-Bereich auftreten zu lassen. Sie wissen genau, was sie tun.

    Alle Rammsteinfans, die bis jetzt nur hören, was sie mühelos verstehen können, sollten die Entscheidung für das Duo Jatekok als eine Chance betrachten, Ungewohntes kennen- und vielleicht sogar mit der Zeit schätzen zu lernen. Auch wenn ihr nicht mögen solltet, was die Musikerinnen euch präsentieren werden: erweist ihnen (und damit auch Rammstein) bitte Respekt.

    dieses sch*** Lied hat es doch tatsächlich geschafft, dass ich nach dem 1.Mal hören "igitt, so was furchtbares, Fremdschämen, nein also wirklich, vorspulen!" gesagt habe und jetzt, nach umgefähr 20x anhören klingt es eher wie "Wuhu!! Ich bin AUSLÄNDER, döp döp döp döp döp!!" :D:D:D


    Absolute Kehrtwende um 180 Grad, wirklich unglaublich. Objektiv gesehen ist es zwar genauso trashig wie Pussy, aber zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich es genau deswegen cool finde 8)


    Auch und gerade hieran zeigt sich das Besondere am neuen Album. Die Stücke sind so geschickt angeordnet, daß man (sofern man nicht zu den Ignoranten zählt) sie hören muß, und zwar selbst dann, wenn man das eine oder andere nicht sonderlich mag oder zunächst gar scheußlich findet. Besitzt man ein Mindestmaß an Hörvermögen, so spürt man unwillkürlich, daß sie im Zusammenhang einen Sinn ergeben. Also läßt man sie auf sich wirken und entdeckt allmählich ihre Qualität.


    Bei mir ist es auch nach Tagen noch immer so, daß ich, selbst wenn ich nur ein einziges der neuen Stücke hören will, fast jedesmal das gesamte Album höre. Während ich dies schreibe, läuft gerade Ausländer: obwohl ich doch eigentlich nur Weit weg hören wollte.

    So erging es mir seit 1965 nur mit wenigen neuen Alben. Auch deshalb zähle ich diese Scheibe, auf der sie sich den Berufskritikern zufolge nur wiederholen, zu den klassischen Alben der Rockgeschichte, von denen viele gerade in Deutschland jahre-, oft sogar jahrzehntelang (wenn überhaupt) nur am Rande wahrgenommen oder gar mitleidig belächelt wurden. Hierzu zählt auch mein erstes Lieblingsalbum. Ich hörte es zum erstenmal mit gerade 11 Jahren, im Frühjahr 1966, war fassungslos vor Glück und mußte dreißig Jahre warten, bis es auch von den neunmalklugen deutschen 'Rockexperten' notgedrungen gewürdigt wurde: Pet Sounds von den Beach Boys, genauer: von ihrem einst so genialen Kopf Brian Wilson.

    Nicht zuletzt wegen dieser Erfahrung, der noch sehr viele ähnliche Erfahrungen folgten, z. B. mit der Kunst des kürzlich verstorbenen Scott Walker, bin ich mir seit Freitag sicherer denn je, daß die Rammsteinverächter sich einst insgeheim dafür werden schämen müssen, so viel dummes Zeug über diese Band geschrieben zu haben, nun auch über das neue Album.


    PS. Selbstverständlich ist auch in Lobeshymnen auf die Musik diverser Bands jede Menge Blödsinn zu lesen. So etwa heißt es im verlinkten Wikipedia-Artikel über Pet Sounds, auf diesem Album seien "Kirchenorgeln" zu hören. Au weia.

    Beide Stücke sind tatsächlich miteinander verwandt. Es muß sich in solchen Fällen jedoch nicht um "Anleihen" handeln. In der Musik-, Literatur- und Kunstgeschichte gibt es unzählige Werke, von denen man glauben könnte, das jeweils jüngere sei eine bewußte oder unbewußte Anleihe. Sogar ich könnte (wäre ich größenwahnsinnig) behaupten, Rammstein hätten sich von einem meiner Stücke über Gott und die Welt (erschienen 1990) inspirieren lassen oder mir gar eine Idee 'geklaut'. Sie hatten aber nur die gleiche. Denn in der Kunst gibt es schon lange nichts mehr, was nicht schon vorher dagewesen wäre, auf die eine oder andere Art. Deshalb kommt es leider immer wieder, speziell die U-Musik betreffend, zu absurden Vorwürfen seitens neidischer Musiker oder neunmalkluger Kritiker, im schlimmsten Fall sogar zu jahrelangen Plagiatsprozessen.

    Hierzu eine Anekdote aus dem Musikerleben. Es ist noch nicht sehr lange her, daß ich auf dem Fahrrad saß und einen melodischen Einfall hatte. Der war wunderbar und stammte aus keinem einzigen mir bekannten Song. Dennoch kam er mir irgendwie bekannt vor, wie auch so vieles andere in der Musik. Der Einfall ging mir nicht aus dem Kopf. Erst nach einigen qualvollen Minuten hatte ich des Rätsels Lösung. Es war ein Teil der Melodie eines meiner eigenen Songs.

    Wenn man will, kann man in Muscheln mit Pommes frites Symbole für den Penis und die Vagina sehen. Man kann alles in einen Text hineindeuten, solange es im Zusammenhang einen Sinn ergibt. Interpretationen müssen stimmig sein, so wie wissenschaftliche oder kriminalistische Hypothesen.

    In diesem Zusammenhang sei mal eben auf ein Stück des einstigen Westberliner Avantgarde-Pop-Duos Foyer des Arts verwiesen. Es stammt aus dem Jahr 1988; einer der Beteiligten war der einstige Titanic-Autor Max Goldt. Soundtechnisch und melodisch hat es nichts mit Rammstein zu tun. Dennoch zählt es zu den Vorläufern von Stücken wie Mann gegen Mann oder Sex. Hört es euch mal Penis -> Vagina an. Den Text könnt ihr hier mitlesen.

    Es könnte durchaus sein, daß Stücke des Duos auch in der DDR gehört wurden und auf Cassetten kursierten. John Peel hat Foyer des Arts während der 80er Jahre nicht nur einmal in seiner Radiosendung gespielt, die sich bekanntlich im Untergrund jenseits der Mauer großer Beliebtheit erfreute. Auch ich habe Foyer des Arts zum erstenmal bei ihm gehört.

    Immer wieder interessant ist für mich, wie Menschen aus meinem Umfeld, die noch nie oder nur gelegentlich etwas von Rammstein gehört haben, auf deren Musik reagieren: nämlich ganz anders als die allermeisten Journalisten speziell in Deutschland und auch ganz anders als jene Fans, die von Rammstein möglichst nur das Altgewohnte hören wollen. Von einem dieser Menschen will ich erzählen.

    Michel ist so alt wie ich, also einer jener Veteranen, die in Westdeutschland mit dem RADIO aufgewachsen sind und so ziemlich alles kennen, was seit 1955 wichtig war. Zu Beginn der 70er Jahre wurde er ein Fan von The Stooges und hat, oft unter großen Schmerzen, die gesamte Karriere von Iggy Pop und David Bowie, Lou Reed, John Cale und Alice Cooper, und vielen anderen mitverfolgt; auch die Karriere bildender Künstler, die für die Popmusik wichtig waren, ja sogar die Karriere diverser Schlagersänger wie etwa Roland Kaiser. Er hatte immer offene Augen und Ohren und ein sehr gutes Urteilsvermögen, bekam jedoch, weil es Das Läben leider so wollte, nur einige Stücke von Rammstein mit. Mutter gefiel ihm besonders gut. Erst seit einigen Wochen haben wir wieder die Möglichkeit, so wie während der 80er Jahre stundenlang gemeinsam Musik zu hören, Videos zu sehen und darüber zu debattieren. Weil ich in größter Spannung auf das neue Album wartete, ward auch er in den Bann gezogen.

    Gestern stand Michel (der seit zehn Jahren in einer Galerie für zeitgenössische Kunst arbeitet) plötzlich vor meiner Tür, um sich nach den beiden Videos auch das Album präsentieren zu lassen. Während es lief, sagte er, anders als früher, wenn wir gemeinsam eine neue LP anhörten, kein einziges Wort. Nachdem Hallomann verklungen war, sagte er noch immer nichts. Nach etwa einer Minute kam dies:

    Uijuijuijuijui.
    Oha.
    Kleiner hamses nich?


    Pause.

    Was ham wir da alles gehört!
    Du Hilfe!

    Pause.


    Jetzt willst du also wissen, was ich davon halte. Puuuh.

    Und wiederum nach einer Pause begann er ausführlich zu sprechen, erst in allen Einzelheiten über die Verpackung meiner Special Edition. Sein abschließendes Urteil:


    Exzellent.


    Und der Inhalt, also die Musik, die Texte und die gesamte Produktion? Seine ersten Worte:


    Da ist eine ganze Menge drin. Alles ist nicht auf die klischeehafte Art bearbeitet. Das ist stimmig.


    Was er daraufhin sagte, habe ich mir nicht notiert. Genug, daß er als jahrzehntelang geübter Hörer nach dem ersten Durchlauf an keinem der Stücke etwas auszusetzen hatte, auch nicht an deren Reihenfolge oder Produktion, ja nicht einmal an den Texten. Er ließ völlig unvoreingenommen erst einmal alles auf sich wirken, nahm es als Gesamtheit wahr und urteilte schließlich, wiederum nach einer Pause:

    Das ist ganz hervorragend.

    Diese Reaktion hätte ich nie erwartet; nicht von diesem Menschen, den ich seit 1982 kenne. Noch nie habe ich ihn so dermaßen beeindruckt über ein ein neues Album sprechen hören. Am meisten beschäftigte ihn, wie wohl auch alle anderen Hörer (die obercoolen Musikkritiker in Deutschland ausgenommen), Tills Gesang im Refrain von Puppe. So etwas hatte sogar dieser Michel noch nie zuvor gehört. Er war, obwohl ich ihn bereits ein wenig darauf vorbereitet hatte, sichtlich schockiert.

    Tja, so reagierte einer, der nie ein Rammsteinfan, aber auch kein Rammsteinhasser war. Und das erinnerte mich an meine erste Reaktion auf ein ganzes Rammsteinalbum. Mir war die Band seit Herzeleid bekannt, weil ich im Radio Rammstein gehört hatte. Ich fand das Stück interessant, war jedoch nicht zutiefst beeindruckt. Als ich im Frühjahr 1997 zum erstenmal Engel hörte, war ich in jeder Hinsicht positiv überrascht. Und im Spätsommer 1997 spielte mir eine junge Kollegin zum erstenmal Sehnsucht vor. Sie liebte diese Scheibe, hatte jedoch gehört, Rammstein seien eine 'rechte' Band, und wirkte ein wenig verunsichert. An meinem Urteil war ihr sehr gelegen. Das Titelstück war noch nicht zu Ende, als ich bereits wußte, daß diese Band (von deren Mitgliedern ich bisher nichts gesehen hatte die Coverfotos) eine ganz besonders talentierte war, musikalisch wie textlich. Und was ich abschließend sagte, ist mir noch heute im Ohr:


    Das ist doch keine 'rechte' Band. Das ist Literatur. Das ist Kunst.

    Wie ich zu diesem Urteil kam, ist eine andere Geschichte. Sie hat sehr viel damit zu tun, daß ich mit Wilhelm Busch, dem Struwwelpeter, der Kinderbibel von Anne de Vries und Die schönsten Sagen des klassischen Altertums aufgewachsen bin, Literatur studiert und jahrelang mit Herzblut selbst Musik gemacht habe, auf der Bühne und im Studio. Rammstein war gelungen, wovon ich stets geträumt hatte und auch träumte, als ich 1987 über die mir damals bekannten Bremer Rockmusiker schrieb:

    Sie alle wollen keine Bremer sein; aber je weniger bremisch sie sich geben, desto deutscher und spießiger wirken sie: denn je bemüht englischer die Texte, desto dürftiger die Aussage; je gewollt internationaler der Sound, desto mickriger das Songmaterial [...] - sie klingen so, wie wichtige Musik niemals geklungen hat: unindividuell und austauschbar. [...]

    Die Zeit der Dorfmusik ist noch lange nicht vorbei: es sei denn, auch Bremer Musiker ließen sich wie ihre bewunderten Kollegen aus Großbritannien und den USA endlich einmal dazu herab, ihre Helden nicht länger hirnlos nachzuäffen, sondern von ihnen zu lernen, was zu lernen wäre: Songs und Stücke zu schreiben, in denen eigene Erfahrungen sprachlich sinnvoll verarbeitet und musikalisch stimmig artikuliert werden. [...]

    THE BEAT GOES ON!


    Rammstein haben ihn gewonnen und sind inzwischen weltberühmt, weil sie zu ihrer Herkunft standen, so wie einst die Pilzköpfe aus Liverpool, die nie so klingen wollten, als kämen sie aus Kalifornien oder aus New York. Sie klangen immer wie die Beatles. Wie gut, daß Rammstein immer noch wie Rammstein klingen, auch auf ihrem Weißen Album. Über das Weiße Album der Beatles hieß es im Winter 1968/69 in Sounds, dem ersten 'intellektuellen' deutschen Rockmagazin (der Komma- und der Grammatikfehler sind im Text enthalten):

    Das musikalische Material isoliert betrachtet, ist nichts anderes als Wiederholung alter, bereits benutzter Ideen, die man neu aufpoliert hat. Dies trifft für alle Stücke ohne Ausnahme zu.


    Woran diese Sätze mich erinnern, muß ich gewiß nicht sagen. Errare humanum est.

    Zitat

    [...] Wenn Kindesmissbrauch und andere kriminelle Machenschaften im Glauben stattfinden, kann kein Gott anwesend sein.

    Darauf zu schließen liegt nahe, doch Till ist intelligent genug, seinen Hörern zu überlassen, ob sie trotz all des Bösen in der Welt an die Existenz eines Gottes glauben oder nicht: also auch daran, ob er sich am Ende aller Tage endlich zeigen wird oder nicht.

    Zeig dich ist - anders als Halleluja - sehr viel mehr als nur ein Stück über die Doppelmoral und die Verbrechen der katholischen Kirche, speziell den Kindesmißbrauch. Es ist eine zynische Anklage und zugleich ein verzweifeltes Gebet in einer Zeit, die weltweit von immer mehr Menschen (auch und gerade vermeintlich areligiösen; vgl. den Hype um das Klima) als eine Endzeit wahrgenommen wird. Auch deshalb steht das Stück an der stets so wichtigen dritten Stelle des Albums, nach Deutschland, das vom Aufstieg und Fall Germanias handelt, und Radio, das davon handelt, was wesentlich zum Untergang der DDR beigetragen hat. In Zeig dich geht es um die ganze Welt, betrachtet aus der Perspektive eines christlich geprägten Agnostikers. Auch in den beiden folgenden schlagerhaften Stücken geht es um alle. Sex und Lebenslust kennen keine Grenzen. Erst mit Puppe sind wir diesmal in der scheinbar altgewohnten Rammsteinwelt. Doch was der Refrain auslöst, muß ich hier nicht schildern. Schließlich, im letzten Stück des Albums, zeigt sich jemand, der kindliches Vertrauen weckt. Es ist allerdings kein lieber Gott, sondern der Teufel in Menschengestalt. Es ist der Hallomann.

    ST44 hat uns auf etwas sehr Wichtiges hingewiesen. Ganz großen Dank dafür! Das Kinderlied aus der DDR über ein artiges deutsches Mädchen ist ohne jeden Zweifel die literarische Vorlage, nach der Till seinen Text gestaltet hat, worin ein kleiner Junge seine ältere Schwester bei der Arbeit als Prostituierte beobachtet und sich indirekt an ihr für diese zugleich lustvolle und traumatische Erfahrung rächt, indem er seiner Puppe in der Phantasie oder sogar tatächlich den Kopf abreißt. Denn er ist noch gar nicht groß und stark genug, um seine Schwester wirklich umbringen zu können. Dies ist die eine Ebene.

    Doch so wie bei Hallomann gibt es auch hier noch eine andere. Die Geschichte könnte nämlich auch als die Geschichte eines Jungen gelesen werden, der von einem Ehrenmord an seiner unmoralischen Schwester phantasiert. Und tatsächlich gibt es eine Geschichte, die lange durch die Medien ging und Till zu Puppe inspiriert haben könnte, nämlich der Mord eines jugendlichen Afghanen an seiner Schwester.

    Für die Existenz dieser Ebene spricht nicht nur, daß Till sich bereits auf spektakuläre Mordfälle bezogen hat, sondern auch die Anlage dieses Albums, das mit Deutschland beginnt und nicht nur von der deutschen Geschichte, sondern auch von der Gegenwart handelt. Dazu gehört, daß in Deutschland immer mehr Ausländer leben, deren Werte andere sind als unsere. Dies spiegelt sich auch wider in Kriminalfällen wie dem verlinkten.

    Kurz: Tills großes Thema war schon immer die (Doppel-) Moral, die zu Exzessen bis hin zu Mord und Krieg führen kann, und zwar völlig unabhängig von der jeweiligen Religion oder politischen Ideologie. Sex und Liebe, Haß und Krieg kennen keine Grenzen, und über allem ist ein Gott, der sich endlich zeigen soll, wenn's ihn denn tatsächlich gibt.

    Jemand schickte mir einen Auszug aus "Heute hat die Welt Geburtstag", da beschreibt Flake die Story mit den Riesaern Streichhölzern. Vllt fällt es jemanden ein, sonst kann ich schauen, ob man die Seite auf dem Foto erkennt.

    Vielen Dank für den Hinweis. Hätte ich doch nur all das im Kopf, was ich von und über Rammstein gelesen habe.

    Zur Frage, ob es sich um ein Konzeptalbum handelt oder nicht, sei bemerkt, daß ein Konzeptalbum keine durchgängige Geschichte enthalten, also auch nicht nur von einer Person oder Personengruppe handeln muß. Es muß noch nicht einmal von vonherein ein Konzept gegeben haben. Entscheidend ist nur, daß das fertige Album den Eindruck eines Werks vermittelt, das einer wie auch immer gearteten inneren Logik folgt und von aufmerksamen Hörern als ein zusammenhängendes Ganzes wahrgenommen werden kann, dessen Teile wie bei einer Oper, einer Sinfonie, einem Roman oder einem Film nicht beliebig umgestellt werden könnten, ohne dem Album erheblich zu schaden. Dies wußte bereits Aristoteles, auf den der berühmte Satz zurückgeht: "Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile."


    Für kein Album von Rammstein gilt dies so sehr wie für das neue. Die einzelnen Stücke anderer Alben mögen - je nach Geschmack - sehr viel besser sein; doch noch kein Album von Rammstein war so sehr als Ganzes wahrnehmbar wie dieses, vor allem für Hörer wie mich, die mit LPs aufgewachsen sind, also mit Tonträgern aus Vinyl, die man nicht einfach durchhören konnte, sondern noch umdrehen mußte. Aus diesem Grunde ist allen LPs, die als Ganzes gehört werden sollten und nicht nur als Sammlung einzelner Stücke, folgendes eigen: Sie haben einen Opener, der wie eine klassische Ouvertüre oder der erste Satz einer Sinfonie auf das Kommende einstimmt; das letzte Stück auf der ersten Seite ist stets ein ganz besonderes, das auf die zweite neugierig macht; das erste Stück auf der zweiten schließt meistens nicht daran an, sondern setzt einen neuen Akzent; das letzte Stück ist immer ein besonders starkes und eine Art Resümee. Die Schwierigkeit für alle Rockmusiker bestand seit jeher darin, die Stücke dazwischen auszuwählen und so anzuordnen, daß aufmerksame Hörer bereit sind, auch diese Stücke nicht einfach zu überspringen, sondern als unverzichtbaren Teil des Ganzen akzeptieren und vielleicht sogar schätzen zu lernen. Dies läßt sich seit 1967 an Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band studieren und seit Freitag am Weißen Album von Rammstein.


    Handelte es sich dabei um eine klassische LP, so wäre (von preßtechnischen Problemen jetzt abgesehen) Puppe das letzte Stück auf der ersten Seite, weil es nach dem Ausflug in die Welt der Ballermänner wieder in die Rammsteinwelt zurückführt und so stark ist, daß man bereit ist, die zweite Seite zu hören. Die beginnt musikalisch wiederum anders als von Rammstein gewohnt, und der Text handelt nicht mehr, wie Ausländer oder Sex, von vielen Menschen oder, wie Puppe, von einem Kind, sondern von einer an Jahren erwachsenen Person, die uns in Ich-Form etwas offenbart. Das gleiche gilt für Diamant. Mit Weit weg folgt wieder eine Geschichte, mit Tattoo eines, dessen Text mit dem von Ausländer verwandt ist; und Hallomann als Ausklang der zweiten Seite und des gesamten Werks verweist mit Musik und Text auf das letzte Stück der ersten Seite. Damit hat sich der Kreis geschlossen, und damit ist aus diesem Album eines geworden, das sich als Konzeptalbum hören läßt.


    Abschließend will ich nur noch bemerken, daß ich bereits als (Steinbock-) Kind melaqncholische und langsame Stücke (von Ausnahmen abgesehen) den eher fröhlichen bevorzugte und mir eine ganze Scheibe mir Stücken à la Ausländer oder Sex schon aus musikalischen Gründen niemals ganz angehört hätte, genausowenig ein Beatles-Album, das nur aus humoristischen Stücken à la When I'm 64 oder Good Morning, Good Morning bestanden hätte. Wenn eine Band es schafft, mich sogar mit Stücken wie den genannten nicht zu langweilen, dann hat sie ein Kunstwerk geschaffen.

    Der Vergleich ist doch deinerseits gegeben?

    Egal, für dich ein Meisterwerk, für mich ein okayes R+ Album

    und trotzdem läuft bei uns anscheinend das gleiche über die Anlage...komisch oder?

    :)

    Ja, ich halte das Album tatsächlich für ein Meisterwerk. Allerdings habe ich es nicht mit dem Faust verglichen, sondern nur (aus Gründen) erzählt, daß Goethe 40 Jahre daran geschrieben hat. Und sonst? ch wünsche dir und uns allen noch viel Freude mit dem neuen Zündstoff.

    Ja das kann ich aber irgendwie nicht.

    Wenn es ein Konzeptalbum wäre, wäre das dann nicht auch von Anfang an oder zumindest ab einer frühen Phase der Albumproduktion der Plan gewesen? Hieße das nicht auch das 11 Songs (oder eben 9) in Abhängigkeit zueinander produziert wurden ? [...]


    Nein. Kunstwerke sind nicht in dem Sinne planbar wie ein Objekt der Architektur. Auch Goethe hat seinen Faust nicht geplant, sondern 40 Jahre lang daran geschrieben. Und die Beatles ahnten nicht, was herauskommen wurde, als sie die einzelnen Songs aufnahmen, die vor bald 52 Jahren unter dem Titel Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band das Licht der Welt erblickten. Auch viele der bahnbrechenden Pop-Singles waren sie so geplant, wie wir sie kennen. Bedeutende Beispiele: Good Vibrations und Strawberry Fields Forever.


    Echte Künstler wissen, daß sich die Musen nicht zwingen lassen. Sie kommen, wann und zu wem sie wollen. Aus diesem Grunde auch sind echte Künstler im Grunde ihres Herzens sehr demütige Menschen. Sie sind, so sagte man früher, begnadet. Rammstein haben das auf ihre Weise gesagt:


    Zitat

    Wir sind die Diener eurer Ohren

    Wir sind für die Musik geboren.

    [...]


    Und der Himmel bricht

    Ein Lied fällt weich vom Himmelslicht



    Bin der Meinung hier wurden Lieder in eine Sinnvolle Reihenfolge gebracht, aber ich erkenne da beim besten Willen weder ein Konzeptalbum, noch sehe ich da eine zusammenhängende Geschichte eines einzelnen lyrischen Ichs.

    Das Bemerkenswerte an diesem Album besteht nicht zuletzt darin, daß man es als Konzeptalbum auffassen kann, aber nicht muß. Ein großes Kunstwerk ist kein gewöhnlicher Stein, sondern ein Diamant. Der Betrachter ist die Sonne, die es zum Schillern und zum Funkeln bringen kann.

    Ein Streichholzlogo von Rammstein ist mir nicht bekannt. Das erste offizielle war dieses, das auf den ersten Blick na woran wohl erinnert und wesentlich mit dazu beitrug, sie in Verruf zu bringen. Hast du eine Quelle dafür, daß das Streichholz in der Anfangszeit von Rammstein als Symbol genutzt wurde?

    Der Hallomann zählt zweifellos zu den besten Stücken des Albums und ist zudem ein Schluß, wie er nicht besser sein könnte. Ich gehe davon aus, daß es zwei wesentliche Inspirationsquellen gibt: nämlich erstens das für uns Deutschsprachler kuriose norwegische Wort, bei dem wir eher an einen böhsen Onkel denken als an einen TV-oder Radioansager (Rammstein spielten 2012 in Oslo), und zweitens den Fall Dutroux in Belgien. Darauf kam ich, weil der pädophile Hallomann das Mädchen mit Muscheln und Pommes frites lockt, also mit einer belgischen Spezialität. Einer der vielen Tatorte war auch eine Segelyacht an der holländischen Küste, wohin Kinder und Jugendliche für Sexorgien bis hin zum Mord verschleppt wurden.


    Zu Süßkinds letzter Bemerkung sei gesagt, daß Till auf diesem Album tatsächerlich präsenter ist denn je. Allerdings empfinde ich es nicht so, daß die "Musik" sich ihm unterordet. Denn was Till macht, ist ein wesentlicher Bestandteil der Musik. Sein Instrument ist die Stimme. Und wenn man genau hinhört, dann wird man sehr bald merken, daß auch die übrigen Instrumente präsenter sind denn je. Nur Schneider nimmt sich diesmal sehr zurück. Es gibt diverse Leute, die das bemängeln. Doch ein guter Drummer zeichnet sich nicht dadurch aus, daß er ständig auf seiner Batterie herumdrischt, um zu zeigen, was er soieltechnisch kann, sondern daß er genau weiß, was dem jeweiligen Stück dient und was nicht. Dies gilt auch für die übrigen Instrumentalisten bis hin zum Sänger. Sie alle haben die Aufgabe, ein Musikstück auszuloten und es zum Klingen zu bringen. Diesmal ist es Rammstein (anders als auf LIFAD) bei allen Stücken optimal gelungen.


    [Nachtrag, drei Stunden später] Inzwischen habe ich dieses Stück mehrfach hintereinander über Kopfhörer gehört und kann noch immer nicht genug davon bekommen. Es ist (vor allem musikalisch) von einer unfaßbaren morbiden Schönheit und schon jetzt ein Rammsteinklassiker vom Kaliber Reise, Reise. So wahr mir Gott helfe.

    Ein Streichholz ist Zündstoff und damit auch ein Symbol für Pyrotechnik. Rammstein haben seit jeher beides geboten. Zudem kann ein Streichholz bzw. Zündholz auch als Penissymbol gedeutet werden.

    So ist eees. Das Erfreuliche bei R+ ist ja die Doppelbödigkeit. Eine Interpretation muß die andere nicht ausschließen. Man darf nur nichts in einen Song hineininterpretieren, was sich anhand des Textes und der Musik nicht belegen ließe.