Beiträge von AlteFrau

    Muss ja dabei immer an noch etwas härtere Ghost denken :D

    Hab jetzt noch nicht die CD direkt aber muss es nicht "Crucifixus" heißen?

    Ja, es muß so heißen. Und "exmustamus" gibt es gar nicht. Es klingt nur so wie die 1. Person Präsens Plural eines Verbs, das in diesem Fall "exmustare" heißen müßte, aber gar nicht existiert, sondern von diversen Chorsoftwares für Filmkomponisten generiert, auch in der Gothicszene genutzt wird und noch vor wenigen Wochen auf Lyrics-Seiten leicht zu finden war. Da Rammstein mit einem echten Chor gearbeitet haben, wüßte ich gar zu gern, ob ihnen bewußt war, was sie taten, als sie den Chor die Nonsense-Passage singen ließen. Die falsche Schreibweise "Cruchifixus", die keinen Doppelsinn ergibt, deutet darauf hin, daß sie und ihre Crew keine Ahnung hatten.

    Schaut euch mal bitte das Video vom Dunklen Parabelritter an. Diese Analyse ,wenn es denn so gewollt ist haut mich um 🤯

    Was er über den Zusammenhang der Texte sagt, ist eine sehr gute Ergänzung dessen, was ich über die Musik geschrieben habe. Das Album mit dem Streichholz kann und sollte als Konzeptalbum gehört werden, sofern man es angemessen beurteilen will. Ob R+ von vornherein eines machen wollten, ist dabei völlig unerheblich. Die Musen lassen sich nicht zwingen.

    Nun ist es da, das Weiße Album von Rammstein, und so mancher Fan ist unzufrieden. Doch das muß nicht so bleiben. Denn auch ein Album, das man nicht mag und vielleicht nie mögen wird, kann objektiv ein gelungenes sein. Wie kann man der No. 7 und auch anderen Alben, die man zum erstenmal hört, Gerechtigkeit erweisen? Im folgenden werde ich sagen, wie ich, ein Kind von Sgt. Pepper, mich neuen Alben nähere und auch diesem genähert habe.



    Zunächst betrachte ich alle Stücke im Zusammenhang. Beginnt das Album so, daß der Anfang aufhorchen läßt? Sind die einzelnen Stücke so zusammengestellt, daß es abwechslungsreich klingt? Paßt das Ende eines Stücks zum Beginn des nächsten? Hat das Album von Anfang bis Ende einen Spannungsbogen? Wirken alle Stücke, so unterschiedlich sie auch sind, im Zusammenhang des Werks wie aus einem Guß? Endet das ganze Album so, daß ich erst einmal durchatmen muß und danach unwillkürlich das Bedürfnis habe, die ganze Scheibe noch einmal zu hören?


    So ist es noch nach 52 Jahren bei Sgt. Pepper von den Beatles, das diverse Stücke enthält, die nicht zu ihren besten zählen, und so ist es auch bei der No. 7 von Rammstein. Das erste Stück des Albums macht gespannt auf das, was folgt, und das letzte entläßt den Hörer musikalisch in die Unendlichkeit, aber eben nicht nur musikalisch. Denn das letzte Wort des Albums ist das Wort »Gesang«. Hier stellt sich unwillkürlich die Frage, ob dieses Wort und das, was wir gehört haben, zusammen einen Sinn ergeben.


    Dies können wir mit Ja! beantworten. Denn soweit ich das anhand der Reaktionen sehe, zweifelt keiner der Fans daran, daß Till auf diesem Album nicht nur mehr »gesungen« hat als auf den anderen Alben, sondern stimmlich auch besser denn je. Darin, daß er sich mit »Puppe« als Sänger selbst übertroffen hat, sind sich wohl alle einig, selbst wenn sie das Stück nicht mögen.


    Und wie ist es mit den einzelnen Stücken eines Albums? Auch hier muß wieder gefragt werden, ob die Teile eines Stücks (d.h. harmonisch und melodisch) einen Sinn ergeben, nämlich eine innere musikalische Logik und einen »Flow«. Den vermisse ich bei diversen LIFAD-Stücken (so etwa beim Titelstück oder bei »Wiener Blut«); hier vermisse ich sie nirgendwo. Spräche ich kein Wort Deutsch, so wüßte ich doch sofort, ob es sich um einen einen humoristischen Text handelt oder um einen düsteren, vielleicht sogar um einen, der schockieren könnte.


    Ob Till (oder ein anderer Texter) sich bei den Themen wiederholt, ist zweitrangig; denn die Themen wiederholen sich bereits, seit es Gedichte und Lieder gibt. Vgl. hierzu alte Volksliederbücher, vertonte Gedichtzyklen wie Schuberts »Winterreise« oder Songbooks aus allen Genres der U-Musik. Entscheidend für ein Musikstück ist nur, ob Text und Musik einander ergänzen und zusammen mit dem Arrangement, der Interpretation des Sängers und der Produktion ein stimmiges Ganzes ergeben. Dies ist auf diesem Album der Fall, auch und gerade bei »Was ich liebe«, dessen neues musikalisches Gewand sehr viel besser zum Text paßt als im gewohnten Demo.


    Nun müßte eine detaillierte Betrachtung der einzelnen Stücke folgen, nämlich anhand der Frage, ob Rammstein sich wirklich nur wiederholen, wie in den deutschen Feuilletons behauptet wird, oder – gemessen an ihrem bisherigen Repertoire – Neues gewagt haben. Dies ließe sich sehr schön anhand von »Zeig dich« zeigen. Der Text erinnert zwar als »Halleluja«, doch er enthält noch mehr als nur simple Kirchenkritik. Mn lese ihn ganz in Ruhe. Und die Musik? Man muß sich in der Popgeschichte seit den 50er Jahren auskennen, aber nicht nur dort, um ermessen zu können, was der Band hier gelungen ist. Sie hat nämlich Carl Orff, Phil Spectors dreieinhalb Minuten kurzes Meisterwerk »River Deep – Mountain High«, Duane Eddy und Rammstein auf einen Pop-Nenner gebracht, und dies im Rahmen eines Vierminutenstücks. Leute, die nichts von Musik verstehen, sind in diesem Fall schon einzig und allein daran zu erkennen, daß sie – wie manche »Kritiker« - hier von Gregorianik schwätzen. Damit aber hat der Chorgesang absolut gar nichts zu tun. Allen, denen er gefallen hat, sei dieses kurze Stück von Carl Orff empfohlen. Schon der Titel paßt zu Rammstein: »Ich hasse und ich liebe«. Was den unserer Band auch musikalisch verwandte E-Komponisten mit den Olympischen Spielen von 1936 (ergo indirekt mit Leni Riefenstahl) verbindet, können Interessierte bei Wikipedia nachlesen. Im englischen ist mehr über Orff zu finden als im deutschen.


    An dieser Stelle läßt sich bereits sagen, daß es sich bei Rammsteins Weißem Album um ein rundes Ganzes handelt, das jedoch – wie fast jedes Kunstwerk – nicht vollkommen ist. Auch ich hätte einiges zu kritisieren, doch das hier zu tun, würde zu weit führen. Welche der elf Stücke ein Hörer zu seinen Lieblingsstücken zählt, bleibt ganz ihm selbst überlassen. Doch eines sollte jeder verstehen, nämlich:


    Rammstein sind Künstler. Und Künstler sind nicht nur Dienstleister, die gefälligt machen sollen, wofür man sie bezahlt, sondern kreative Menschen, denen man die Freiheit lassen muß, dasjenige zu tun, wovon sie selbst glauben, daß sie es tun müßten. Daß Rammstein nicht mehr so »hart« und so »wütend« klingen wie in ihrer Anfangszeit, mag bedauerlich sein; doch auch Rockmusiker werden erwachsen und haben jenseits der 40 ein anderes Lebensgefühl und dementsprechend andere Prioritäten als zuvor. Dies ist der No. 7 deutlich anzuhören. Rammstein blicken zurück, spielen heiter mit alledem, was die Welt von ihnen erwartet, und haben ihr mehr gegeben als die meisten wahrhaben wollen, nämlich elf Stücke, die so unterschiedlich sind, daß sich unzählige Hörer nun darüber streiten. Dies zeigt in aller Deutlichkeit, daß ihr Weißes Album alles andere als eine langweilige Scheibe ist, und gilt gleichermaßen für Musik und Text, Interpretation und die »poppigere« Produktion. Ich bin mir ziemlich sicher, daß in einigen Jahren kaum noch jemand sagen wird, Rammsteins No. 7 sei auch qualitativ die No. 7 ihrer Alben.


    Ich betrachte dieses Album, all seinen tatsächlichen oder auch nur vermeintlichen Schwächen zum Trotz, als ein von vielen alten Fans speziell aus Deutschland jetzt noch unterschätztes, auf das alle, die künstlerisch dazu beigetragen haben, mächtig stolz sein können. Amen.

    Wenn ich so auf alle anderen Alben zurückblicke stelle ich fest, dass ich tatsächlich selten mehr als 5-6 Songs pro Scheibe durchgängig höre und nur sehr selten die anderen. Auf dem neuen Album habe ich diese 5-6 bereits, während ich die anderen halt bereits nicht mehr so häufig hören kann.

    Selbst auf sehr guten Alben wie Mutter, sind es halt wirklich nur maximal 6 Songs, die ich mag und hören kann.

    Das ist völlig normal. Ich kenne seit Beginn jener Zeit, als LPs nicht bloß irgendeine Sammlung von Stücken sein sollten, sondern ein mit Bedacht zusammengestelltes Album, also seit 1965, kaum eines, das nicht eine Reihe deutlich schwächerer Stücke enthielte. Dies gilt auch für die großen Alben der Beatles. Der Wert mancher Stücke, die heute als Klassiker gelten, wurde allerdings oft erst nach Jahren erkannt. So wird es auch bei diesem Rammsteinalbum sein, speziell mit Diamant. Dieses Lied ist mit nichts zu vergleichen, was Rammstein bisher gemacht haben. Seine Qualität liegt nicht zuletzt in seiner Kürze. Der Text ist ein Gedicht, das keine Wiederholungen duldet und kein instrumentales Drumherum. Es muß genauso sein, wie es ist. Und es zeigt, was Rammstein können: nämlich bei weitem mehr als das, was die meisten Leute glauben. Daß sie sich für Olsen Involtini und Rich Costey als Produzenten entschieden haben, war klug. Was vielen alten Fans (noch) nicht behagt, werden viele Profis aus der internationalen Musikszene sehr zu schätzen wissen. Dieses Album, vielleicht ihr letztes, ist schon jetzt ein Klassiker; vielleicht ihr Abbey Road.

    PS. Danke, Hamel. Ich habe deinen Beitrag zu spät gesehen, was vielleicht gut ist; denn sonst hätte ich womöglich einen Aufsatz über LIFAD und speziell Frühling in Paris geschrieben. Daß du nicht viel damit anfangen kannst, liegt wahrscheinlich am Arrangement, vor allem am Schlagzeug, und an der Produktion.

    Ich gehöre zu denen, die mit dem Rock 'n' Roll geboren wurden und mit einem Röhrenradio aufgewachsen sind. Wer Musik hören wollte und noch keinen Plattenspieler oder gar ein Tonbandgerät besaß, war auf die Programme der Radiosender angewiesen und nahm alles mit, was er an Musik bekommen konnte. Ähnlich erging es auch denen, über die Till in "Radio" singt. Was ihn und die anderen Rammsteinjungs wesentlich geprägt hat, bevor die Mauer fiel, findet sich auf dem neuen Album wieder, so wie auch die Techno-Sounds der sog. Wendezeit.


    Ich habe das Album zwar erst einmal gehört, doch ich habe es sofort als Werk aus einem Guß empfunden, auch dank der Produktion, die ich nicht zu poppig finde, sondern sehr durchdacht und liebevoll. Dies könnte ich im einzelnen begründen, auch was "Diamant" betrifft, will jedoch niemanden langweilen. Deshalb sage ich jetzt nur, daß ich dieses Album insgesamt sehr viel besser finde als das letzte, das noch heute in meinen Ohren sehr unausgegoren und zerrissen klingt. Laßt die No. 7 in Ruhe auf euch wirken. Sie ist das ausgereifteste Album von Rammstein und braucht Zeit, um ihre Wirkung entfalten zu können.

    Ich war schon nach dem Absatz raus:

    "Was ist deutsch? Rammstein. Nun hat die Berliner Band, 25 Jahre nach ihrer Gründung, ihr erstes politisches Album aufgenommen. Antikapitalistisch, antinationalistisch und antiidentitär."

    Hätte genauso gut in der ZEIT stehen können.


    Wenn man die Themen gelesen hat, die vorkommen, scheint es allerdings mehr Rammstein zu sein, als zunächst zu vermuten war.

    Solche Artikel sind nicht jedermanns Geschmack. Aber Rammstein sind eben nicht nur eine 'geile Band', sondern ein facettenreiches und durchaus auch ein politisches Phänomen. Michael Pilz, der Verfasser des Artikels, weiß das schon lange, schreibt schon seit Jahren über sie und hat als gebürtiger Ostdeutscher, studierter Musikwissenschaftler und Journalist schon vor LIFAD eine Menge dazu beigetragen, daß sie auch von Feuilletonlesern nicht nur als Brachial- und Skandalrocker wahrgenommen werden.

    Der von dir, Diaboula, zitierte Beginn des Artikels gefällt mir auch ganz und gar nicht. Aber er ist auch nicht für Fans geschrieben, sondern für Leser, die noch immer oder nach Deutschland erst recht wieder glauben, Rammstein seien eine dumpfnationale Krawalltruppe. Diesen Leuten versucht er den Wind aus den Segeln zu nehmen, um sie zum Weiterlesen zu bewegen. In diesem Sinne hat er (von kleinen Fehlern oder auch fragwürdigen Interpretationen abgesehen) einen respektablen Artikel geschrieben.

    Ob ein Song "voll" ist, d.h. ernstzunehmen oder nicht, hat nichts mit dessen Länge zu tun, sondern einzig und allein mit seiner Qualität. Ergeben Melodie und Text ein stimmiges Ganzes? Wenn ja, dann ist der Song bereits gelungen und muß 'nur' so arrangiert, gesungen und produziert werden, daß Melodie und Text und Instrumentalbereitung ebenfalls ein stimmiges Ganzes ergeben. Wird das Stück dann noch überzeugend gesungen und angemessen produziert, so ist das Endprodukt ein Kunstwerk: ob es sich nun um ein Chanson, einen Schlager oder ein neues Stück von Rammstein handelt. Deren Qualität als Band hat (von den Shows hier nicht zu reden) auch eine Menge damit zu tun, daß sie genau wissen, was sie machen müssen, um die Hörer nicht zu langweilen. Dies aber täten sie, würden sie einen Song in die Länge ziehen, obwohl nach zwei Minuten schon alles gesagt ist. Die bedeutendsten Songschreiber der Popmusik wußten dies immer. Und Liederkomponisten wie Schubert (dessen Winterreise zu den Vorläufern dessen zählt, was Rammstein machen) wußten dies sowieso.

    Gerade eben habe ich einen Hinweis darauf gefunden, daß ZEIG DICH der Song No. 3 sein wird. Auf einer russischen Seite ist ein Cover zu sehen, das ich für echt halte. Das Design entspricht der Serie, und das Motiv vor dem weißem Hintergrund ist geradezu genial gewählt. https://pikabu.ru/story/rammstein__zeig_dich_6689709


    PS. Laßt euch (falls ihr einen Übersetzer nutzen werdet) nicht von der Deutung desjenigen irritieren, der das Bild gepostet hat.


    PPS. Bei Twitter wurde das Bild schon am 2. Mai gepostet. https://twitter.com/RealLindemann/status/1123948258093608960


    PPPS. Ein Kommentator sagt, es handele sich um das Werk eines Fans. Ein Detail, das ich übersehen hatte, könnte diese Annahme stützen. Wie auch immer. Die Spannung steigt.

    Ohne das Video zu STRIPPED (das gestern ebenfalls hochgeladen wurde) ist das Phänomen Rammstein nicht zu verstehen. Es ist offensichtlich, daß dieser Upload einer ausgefeilten Dramaturgie folgt. Für ein White Album mit einem Zündholz wird 1. mit einem Video über die Geschichte Deutschlands, 2. mit einem autobiographischen über die DDR und 3. mit dem umstrittensten Rammsteinvideo aller Zeiten geworben. Die Band blickt zurück und kommentiert zugleich indirekt aktuelle (hier das Modewort:) Diskurse. Was das zu bedeuten haben könnte, möge jeder für sich selbst entscheiden.

    Seit Mai 1967 war ich nicht mehr so gespannt auf das neue Album einer Band. Damals ging es um Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band.

    PS. Am Sonntag ist MUTTER-Tag.

    Die Abmischung ist für meinen Geschmack grauenhaft und ein neuer Tiefpunkt in puncto "Loudness War". Die Streicher und Drums gehen in einer Wand aus Schalldruck verloren, die Gitarren sind zu dominant und klingen dennoch irgendwie undefiniert.

    Das ist mir aus der Seele gesprochen, da auch mir der Loudness War fürchterlich auf die Nerven geht. In diesem Zusammenhang aufschlußreich ist, was Till in kürzlich in einem Interview sagte:

    Zitat

    The technical side of a recording leaves me indifferent. Writing lyrics and singing is my thing, and those technical things distract me. Moreover, it is too late to start learning.

    Hierzu paßt auch, was er kürzlich an anderer Stelle sagte:

    Zitat

    I am more into Gothic, he is more into the metal spirit. He always wants to do more stuff with the guitar. I had to stop him and tell him: ‘let the piano and the violins play a bit, let the melody go on’, and he answered me: ‘No, I want to play the guitar.’[...] He does not allow anybody to be at his side when he works and I believe I was the only one able to work shoulder to shoulder with him. And I felt like an intruder. He is extremely independent and he doesn’t admit help from other people, so I had a hard job convincing him to bring Stefan Glaumann, a person that has worked with Rammstein in the past, to help him out with the mixtures.

    Das allzu Laute und (hier paßt das überstrapazierte Wort ausnahmsweise mal:) Brachiale ist also durchaus nicht seine Sache. Aber da er 'nur' der Sänger ist, muß er sich den anderen fügen, auch ihren Klangvorstellungen und diesmal eben denen des Metallers Tägtgren, der bereits (wie leider so viele jüngere Musiker und Produzenten) durch den Loudness War geprägt ist. Glaumann hat ihn offensichtlich nicht daran hindern können oder wollen, auf Kosten des guten Klanges mit der Mode zu gehen. Wie die Musik dadurch verliert, scheint Till durchaus nicht bewußt oder aber notgedrungen ziemlich egal zu sein.

    Gestern habe ich mir die Superluxusedition gekauft, selbstverständlich vor Ort, denn: Support your local record dealer.
    Schon allein der Verpackung wegen hat sich diese Ausgabe gelohnt. Der Fotokünstler Stefan Heilemann und die Designer von Rocket
    & Wink
    haben Großes geleistet. Doch wie ist um den Inhalt der CD bestellt?


    Wer Till Lindemanns Gesangsstil liebt, kommt auf seine Kosten. Wer allerdings seine deutschen Texte liebt, muß auf vieles verzichten:
    denn der Reiz und die Komik dieser Texte bestehen ja darin, daß er in der Verssprache des 19. Jahrhunderts und mit vielen Wortspielen
    die Abgründe der Menschen in der Gegenwart thematisiert. In seinen englischen Texten hingegen besteht die Komik nur noch darin, daß
    er seine liebe Mühe mit der englischen Sprache hat. Entsprechend banal sind die Verse. Von dem Sprachwitz der deutschen sind sie
    meilenweit entfernt. Ausländische Hörer könnten also einen völlig falschen Eindruck von Tills deutschen Texten bekommen und glauben,
    sie wären ebenso schlicht und unliterarisch.


    Aber nun zur Musik.


    Ich habe das Album inzwischen fünfmal intensiv gehört (mal über Kopfhörer, mal über Boxen) und finde es durchaus unterhaltsam.
    Dennoch muß ich wiederholen, was ich bereits gesagt habe: abgesehen von der Mischung (etwas Rammstein, sehr viel Pain) enthält es
    nichts bahnbrechend Neues. Der Sound wirkt zunächst beeindruckend, erweist sich bei genauem Hinhören aber als erstaunlich matschig.
    Und das Songmaterial, abgesehen von der Produktion?


    Um die Qualität von Popsongs zu testen, gibt es ein einfaches Mittel. Man spiele nur die Grundakkorde auf einer akustischen Gitarre
    oder einem Klavier und singe dazu die Melodie. Klingt das Stück noch immer unverwechselbar, so handelt es sich um einen gelungenen
    Song. Bleibt kaum noch etwas übrig, so kann man das Stück vergessen. Ihm fehlt die musikalische Substanz. Von dieser Substanz soll
    im folgenden kurz die Rede sein.


    Am Album von Lindemann fällt zunächst auf, daß die Harmoniefolgen, abgesehen von »That's My Heart«, sehr simpel sind. Im Hinblick
    darauf (und auch auf die Tonarten: immer wieder a-Moll und e-Moll) sind die Stücke also alles andere als originell. Deshalb stellt sich die
    Frage, inwieweit es Till & Tägtgren gelungen ist, Melodien zu erfinden, die man selbst dann wiedererkennt, wenn sie gesummt oder
    gepfiffen werden.


    SKILLS IN PILLS ist ein gelungener Opener. Das Stück hat einen starken Anfang und einen zwar simplen, aber melodisch gelungenen
    Refrain. Der Schluß leitet sehr gut über zum nächsten Stück.


    LADYBOY ist der erwartete Kracher, hat aber melodisch nichts Besonderes zu bieten. Auffallend ist der Schluß. Er funktioniert im Prinzip
    so wie im ersten Stück: was Gitarre, Baß und Schlagzeug machen, ist nicht zu Ende komponiert, sondern bricht einfach ab, so wie bei
    unzähligen Stücken, die auf Loops basieren.


    FAT beginnt mit einem zweitaktigen Orgelmotiv à la Bach. Das klingt hübsch, ist aber nicht originell; denn ähnliche Anklänge an die
    berühmte Toccata d-Moll sind seit den 60er Jahren in der Rockmusik zu finden. Im Refrain gibt es keine bemerkenswerte Melodie. Das
    Stück lebt nur von seiner Verpackung. Und wieder endet es abrupt.


    FISH ON schwankt zwischen den bisherigen Tonarten a-Moll und e-Moll, wirkt aber konstruiert und endet wieder abrupt. Immerhin ist
    der Refrain wieder melodisch, wenn auch nicht originell.


    CHILDREN OF THE SUN ist nach dem Muster der vorangegangenen Stücke gestrickt und bricht genauso ab wie die bisherigen Stücke.
    Glücklicherweise wirkt der Refrain hymnenhaft, so daß er (auch wegen des Textes) im Gedächtnis bleiben wird.



    HOME SWEET HOME beginnt, gemessen an den vorangegangenen Stücken, originell und hebt sich auch im weiteren Verlauf von ihnen
    ab, da es sich um eher um einen klassischen (sogar folkloristischen) Rocksong im Metal-Gewand als um ein 'echtes' Metalstück handelt.
    Es ist das erste Stück dieses Albums, das durchgesungen wird, einen Spannungsbogen hat und insgesamt auch zur Akustik-Gitarre
    musikalisch einen Sinn ergäbe. Der Schluß ist wieder nicht auskomponiert, paßt aber. Insgesamt ist dieser Track sehr gelungen und wird
    auch wegen seines Textes überleben.


    COWBOY ist ein humoristischer Kontrast und bietet die Partymusik, von der Till & Tägtgren in diversen Interviews sprachen. Leider nicht
    gelungen ist der Break mit dem Banjo; er wirkt so beliebig wie der abrupte Schluß dieses Stücks Unterhaltungsmusik.


    GOLDEN SHOWER verspricht am Anfang mehr als es hält. Es lebt von seiner Verpackung, so wie der (abrupte) Schluß vom Natursekt-Effekt.


    YUKON ist erfreulicherweise wieder durchgesungen. Der Instrumentaltrack ist (bis auf den Schluß) in Ordnung, aber die Gesangsmelodie ist in
    den Strophen wie im Refrain sehr schwach geraten. Zudem erschließt sich mir nicht, weshalb Tägtgren dem Stück im Refrain seinen
    Balladencharakter nimmt und als Drummer das Tempo verdoppelt hat. Dasist dem Stück nicht gut bekommen, weil es ihm viel von seiner
    Atmosphäre nimmt. Allerdings lenkt es ab von der blassen Melodie.


    PRAISE ABORT ist ein melodische Ohrwurm und gehört auch seines vielschichtigen Textes wegen schon deshalb zu den besseren
    Stücken dieses Albums. Jammerschade ist nur, daß der Schluß ---


    THAT'S MY HEART fällt aus mehrerlei Gründen aus dem Rahmen. Es ist nicht nur durchgesungen, sondern steht als einziges Stück des Albums
    nicht im 4/4-Takt, sondern im 6/8-Takt. Zudem ist das harmonische Gerüst ein anderes. Es besteht aus »klassischen« Akkordfortschreitungen,
    man sie aus Liedern kennt, die am Klavier geschrieben wurden (der studierte Musiker Clemens Wijers läßt grüßen), und enthält deshalb auch
    eine Melodie, die höhere Anforderungen an den Sänger stellt. Dieses Stück ist weder »Rock« noch »Metal«, sondern ein volksliedhaftes Stück
    im orchestralen Gewand. Dem einen mag es gefallen, dem anderen nicht; aber es ist gelungen. Und gerade weil es so gelungen ist, zeigt sich hier
    am allerdeutlichsten das Manko der übrigen Stücke: der abrupte Abbruch. Spätestens an dieser Stelle scheint sich der Verdacht zu bestätigen, daß
    ein Konzept dahinterstecken könnte: denn in allen Fällen wird ein Abort betrieben, indem musikalisches Leben brutal beendet wird. Konzeptuell
    betrachtet ist das passend und verweist auch auf das Artwork im Buch. Doch es schadet den einzelnen Stücken, ganz besonders diesem, das
    ganz unbedingt nach einem komponierten Schluß verlangt.



    MEIN FAZIT: Dieses Album ist kein Meisterwerk, aber insgesamt recht gut gelungen, und es enthält mit »Home Sweet Home« und »That's
    My Heart« zwei schöne Lindemann-Balladen. Von den übrigen Stücken finde ich den Opener sowie »Praise Abort« am besten, weil sie wie aus
    einem Guß wirken. Daß andere Hörer ganz anderer Meinung sind, betrübt mich nicht im geringsten: zeigt es doch, daß dieses Album denen, die
    Rammstein und/oder auch Pain lieben, einiges zu bieten hat. Die Arbeit von Till & Tägtgren hat sich also gelohnt.



    *


    Zum Schluß noch ein Zitat von Till : »Music these days, in my opinion, is fast produced and homemade and all digital and low budget. As a
    newcomer you have no chance. Everything is cheap and low budget in my opinion and there's nothing good coming out these days, except for
    DJ's. There's a whole new and modern DJ culture like Skrillex and those guys. There's a total change over in the music and the quality in music
    and the taste in music is totally different. We're never gonna see bands like Led Zeppelin or Black Sabbath again. It's over.«


    Was auch daran liegt, daß die Verpackung einzelner Songs durch die Produzenten und ganzer Alben durch die Designer immer wichtiger wird;
    das Marketing sowieso. Doch am Ende zählt nur der Inhalt, nämlich das, was man, wenn einmal der Strom ausfällt, zum Klavier oder zur
    Gitarre oder vielleicht auch ganz ohne Instrumentalbegleitung singen oder (wenn man das gelernt hat) aus einer Partitur heraushören kann.

    Selbstverständlich ist das Stück keine "Abtreibungshymne". Es ist auch nicht nur ironisch, sondern beschreibt das Dilemma eines Mannes, der es gern ohne Kondome macht, sich aber nicht den Folgen seines Vergnügens stellen will: er haßt seine Kinder und überhaupt alle Kinder, weil sie (wie er meint) nur einen Haufen Geld kosten. Er zahlt, während seine Freunde ein Luxusleben führen. Deshalb preist er (der nie gedacht hätte, daß er es jemals tun würde) die Abtreibung. Seine Geilheit und Verantwortungslosigkeit haben ihn zu einem menschenhassenden Egoisten gemacht. ABER: Auch damit kann er nicht leben, denn "I hate to hate". Was also tun?

    Zitat

    So in the end, I got forced


    To stay away from female intercourse

    Weil er weder auf Sex verzichten noch die Abtreibung guten Gewissens befürworten kann, bleibt ihm nur eines: dem "female intercourse" zu entsagen. Was er stattdessen macht, bleibt der Phantasie des Hörers überlassen. Da der Song mit "I praise abort" endet, ist anzunehmen, daß sich der Mann im Text (wie unzählige andere Männer auch) nicht von Frauen fernhält und trotz seiner Gewissensbisse den Schwangerschaftsabbruch als beste Lösung betrachtet.


    Was aber denkt Till Lindemann?


    Er sagt es nicht offen, sondern läßt in seinem Text nur die abgetriebenen Kinder sprechen:

    Damit ist offensichtlich, was ohnehin jeder weiß, der sich mit Till als Lyriker beschäftigt hat: Till Lindemann ist ein großer Verehrer des Lyrikers Gottfried Benn, der hauptberuflich Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten war und so hart und illusionslos wie kein anderer Lyriker vor ihm uns alle porträtiert hat: "die Krone der Schöpfung, das Schwein, der Mensch". Siehe hierzu http://www.joergalbrecht.de/es…ichter.de/werk.asp?ID=455.


    Der Song, das Video und speziell der Klassik-Remix von Wijers sind also auch als Hommage an den großen Gottfried Benn zu betrachten.

    Hier sitze ich und kann nicht anders. Ich habe die Maxi-Single und alle verfügbaren Soundschnipsel diverse Male gehört, die Diskussionen darüber und alle Artikel und Interviews zum Lindemann-Album gelesen, selbetverständlich auch den Verriß in der ZEIT. Ach! wie gerne würde ich das Album nun in einem Kommentar gegen all jene verteidigen, die Rammstein schon immer gehaßt oder auch nur mißverstanden haben. Doch leider kann ich das nicht. Denn abgesehen vom schönen Artwork und dem gut gemachten Video und dem geschickten Marketing, dem Bossa-Nova-Schnipsel und dem Remix von Clemens Wijers wird hier nichts geboten, was origineller klingt als all die Rammsteinverschnitte, die es seit Jahren gibt. Weder höre ich ein Riff, das mich aufhorchen ließe, noch eine wirklich schöne neue Melodie oder ein ungewöhnliches Arrangement. Till & Tägtgren mag die Arbeit Spaß gemacht haben, doch das Ergebnis bietet mir kein Hörerlebnis. Es klingt im Prinzip genauso, wie ich befürchtet habe: uninspiriert und synthetisch, dafür aber fett und mit allen Zutaten, die enthalten sein müssen, damit es sich massenhaft verkaufen läßt. Arno Frank hat leider (ich betone: leider) recht mit seiner Kritik am hier gebotenen Breitwandsound. Auf mich wirkt er wie eine fette Tütensoße, die alten Rammsteinfans und auch deren Kindern und Enkeln schmecken soll. Alles wirkt berechnet und berechenbar. Und hier soll ein musikalisches Genie am Werk gewesen sein? Wenn Peter Tägtgren eines wäre, klänge diese Scheibe anders, auch als die Partyscheibe, die sie angeblich nur sein soll.


    Zu den Texten will ich mich nicht äußern; Till ist nun einmal kein native speaker, und das ist deutlich zu hören. Ich tröste mich damit, daß ich nichts anderes erwartet habe und nur selten etwas Großes erwarte, wenn erfolgverwöhnte Rockmusiker sich nach einer langen Pause mit anderen zusammentun, um eine Superscheibe zu machen. Es geht fast immer nach hinten los. Und das komplette Lindemann-Album wird sich, rein künstlerisch betrachtet, wohl nicht als Ausnahme von dieser Regel erweisen.

    Rammstein sind tatsächlich Mainstream. Daß sie dennoch selten und von manchen Sendern gar nicht gespielt werden, hat zwei Gründe:


    1. Als "Stripped" herauskam, galten Rammstein überall als Naziband bzw. als Einstiegsdroge in den Nazirock. Bis heute ist dieses Vor- bzw. Fehlurteil weit verbreitet und wird von manchen Journalisten auch ganz bewußt genährt. Viele Rundfunksender scheuen sich daher, Rammstein zu spielen, vor allem die öffentlich-rechtlichen. Sie wollen nicht ins Gerede kommen. Und so manch ein Rundfunkredakteur ist auch allen Ernstes davon überzeugt, Rammstein seien "rechte" Jugendverderber.


    2. Ein weiterer Grund ist die Musik von Rammstein. Sie hat bekanntlich Power und geht unter die Haut, so wie die Texte der Band. Auch wenn das genannte Vorurteil nicht bestünde, würden Rammstein nicht oder nur selten gespielt, weil ihre Musik nicht seicht klingt, sondern zum Hinhören zwingt. Die (so nennen sie das:) Philosophie der Dudelfunkverantwortlichen besteht aber gerade darin, den Menschen ein "Tagesbegleitprogramm" zu bieten, von dem sie sich bei der Arbeit und feierabends berieseln lassen können. Alles, was nicht zum Weghören taugt, wird daher nicht gesendet. Diese Entwicklung begann in den 70er Jahren und verschärfte sich 1984 nach Einführung der Privatsender; ich habe das alles mitbekommen. Und deshalb weiß ich auch noch, was alles während der 60er Jahre nachmittags zu hören war: zwar nicht viel Rockmusik, dafür aber Sendungen, in denen die lautesten und schrägsten Stücke bis hin zum Free Jazz gespielt wurden. Dergleichen ist inzwischen nicht einmal mehr nachts zu hören. Auch die klassische Musik wird (soweit es sich nicht bloß um Stücke handelt, die man wie Schlager konsumieren kann) allmählich so weit wie möglich aus dem Rundfunk verbannt. Eine ähnliche Entwicklung hat es im TV gegeben. Was früher im Ersten Progamm um 20.15 Uhr gesendet wurde, bekommt man inzwischen nicht einmal mehr nachts bei Arte zu sehen. Es ist zu anspruchsvoll. - Wie rapide die Verblödung fortschreitet, zeigt sich auch daran, daß der legendäre Radio-DJ Alan Bangs inzwischen nicht einmal mehr bei DRadio Wissen senden kann. Sein Vertrag läuft Ende dieses Jahres aus.


    Kurz: Rammstein sind Mainstream, aber nicht doof. Und deshalb waren und sind sie allen Volksverblödern verhaßt.